17
Aug
2009

Mann und Frau

Heute will ich mal ein paar Gedanken niederschreiben zum Verhältnis von Mann und Frau. Ein kurzer Text wie dieser hier beinhaltet zwar immer die Gefahr der Verallgemeinerung. Es ist jedoch klar, daß nicht alle Männer gleichartig veranlagt sind - ebensowenig die Frauen.

Als Grundlage für meine Gedanken dient ein Gedicht der finnlandschwedischen Dichterin
Edith Södergran (1892 - 1923), das da folgendermaßen lautet:


Sinä etsit kukkaa,

löysit hedelmän.

Sinä etsit lähdettä,

löysit meren.

Sinä etsit naista,

löysit sielun

— olet pettynyt.



Übertragen ins Deutsche heißt das:

Du suchtest nach einer Blume,

was du fandst ist eine Frucht.

Du suchtest nach einer Quelle,

was du fandst ist ein Meer.

Du suchtest nach einer Frau,

was du fandst ist eine Seele

— enttäuscht bist du.



Die Gedichtstrophe ist unzählig viele Male zitiert worden. Wovon tut sie Kunde? Idee und Stimmung des Gedichts bezeichnen - leider, wie man eigentlich sagen muß - die Lage der Dinge sehr treffend.

Ein Mann kann enttäuscht sein, wenn er nach einer Blume und nach äußerer Schönheit sucht, er aber menschliche Reife und Tiefe vorfindet. Und ein Mann kann enttäuscht sein, wenn sich ihm anstelle einer Quelle, aus der er endlos schöpfen könnte, ein unermeßliches, launenhaftes, Ehrfurcht erheischendes Meer auftut, er einen mit seinen Schwächen und seiner Stärke ausgestatteten Menschen gefunden hat, dessen Geistesumtriebe und Taten nicht
vorherzusehen oder zu lenken sind, wie das bei einem stehenden Gewässer oder einer Maschine der Fall wäre.

Vor allen Dingen kann ein Mann enttäuscht sein, wenn er nach einer solchen Frau sucht, die das Rollendenken unserer Gesellschaft uns beizubringen trachtet: die demütige Dienerin, die sich aufopfernde Mutter, das immer-jugendliche Sexobjekt, ein Haushaltsroboter, eine rund um die Uhr fürsorgliche Kinderpflegerin sogar noch als Großmutter. Oder die von den Medien heutzutage präsentierte Erfolgsfrau, die gebaut ist wie ein Spitzensportler, oder Person im Hosenanzug, die in den Wettbewerb im wirtschaftlichen Leben hineinpaßt.

Dieser Mann wird aber auch enttäuscht sein, wenn er einen ausgemachten Menschen vorfindet, der physische, psychische und geistige - vielleicht auch spirituelle Eigenschaften und Bedürfnisse in sich vereint, und der es wagt, auch auf die Art und Weise zu leben, wie es die Situation einfordert: eine Frau, die es wagt, zu sich selbst zu stehen, eine Frau, die ihre eigene Person ist. Nicht nur die Frau oder Ehegattin ihres Mannes, nicht nur die Mutter ihrer Kinder, vor allem nicht eine Frau, die dem von Männern und Medien geschaffenen Produkt entspricht.

Da ich selbst ein Mann bin, kann ich fairerweise sagen, daß auch ich nach Art der erlernten Rollen gehandelt habe, daß ich aber versucht habe, davon freizukommen. Man kann sich selbst dazu erziehen, zu denken, daß der andere auch eine ernstzunehmende Person ist, und kein Zielobjekt oder ein Mittel zum Zweck, nicht irgend ein Ding, das in einer Beziehung zu einem selbst steht, oder womit man sich selbst vergleichen kann. Es mag schwerfallen, es lohnt sich aber, so zu denken, denn dann erspart man sich Enttäuschungen und erspart auch der Frau eine Enttäuschung - und vielleicht gar eine Verbitterung.

16
Aug
2009

Ausgefallen tierlieb

Rånjas Lieblingsplatz ist unter Bäumen im lichten Wald. Sie weckt den Herrn des Hauses sowie ihre Ziehmutter bereits morgens um sechs Uhr, um an ihr Frühstück zu kommen. Rånjas Pflegefamilie besitzt ein Sommerhäuschen auf einer Insel auf Åland, auf die das Tier im Boot mitfahren darf.

Nein, Rånja ist kein Hund. Es ist
ein gewöhnliches Bambi-Rehchen.

Die Åländer Bengt und Susanne Nordberg fanden Rånja im Mai in einem Waldstück. Sie kauerte einsam und verlassen auf einer Traktorspur vor sich hin und war nicht in der Lage, auf ihre Beinchen zu kommen. Vom Muttertier des ein paar Tage alten Jungtiers war weit und breit keine Spur zu sehen. Als Rånja am Abend des gleichen Tages immer noch bedauerlich im Regen dalag, nahmen die Nordbergs sich ihrer an und nahmen sie unter ihre Fittiche.

Das Rehkalb ist nachdrücklich Susanne, die es von Anfang an gefüttert hat, zugetan. Derzeit futtert Rånja außer Heu unter anderem Gebäck, Erdbeeren und Butterbrote.

Die zwei Jagdhunde der Familie haben den Neuankömmling gut aufgenommen. Wenn man mit Katz- und Mausspiel fertig ist, kommt Rånja heran, um der Hündin Ellen das Ohr abzulecken.

Die Nordbergs beabsichtigen, Rånja späterhin wieder der Natur zu übergeben. Die Aufnahme eines wilden Tiers an Stelle eines Haustiers ist denn auch im allgemeinen nicht statthaft.

15
Aug
2009

Herausgefallen aus einer goldenen Wiege himmlischer Hingabe — hinein in die Prostitution einer Zeit kultureller Verstelltheit

Früher waren die devadasi in ganz Indien verbreitet; heute gibt es sie vor allem noch im Süden des Landes.

Sind es Priesterinnen, Tänzerinnen oder Prostituierte?

Gibt man den Begriff devadasi in eine Internet-Suchmaschine ein, so stößt man einerseits auf Berichte von zur Prostitution gezwungenen Minderjährigen, andererseits aber auch auf Websites zur indischen Tanzkunst und zu hinduistischen Priesterinnen. Man fragt sich zu Recht: Was hat all das miteinander zu tun?

Das Wort devadasi bedeutet soviel wie Gottesdienerin und wird seit Ende des 19. Jahrhunderts als Sammelbegriff für geweihte Frauen, mitunter sogar auch für nicht geweihte sadir-Tänzerinnen verwendet. Die Tradition, Frauen einem bestimmten Tempel zu weihen und sie dazu symbolisch mit der Tempelgottheit zu verheiraten, dürfte sehr weit zurückgehen. Unter Bezeichnungen wie sumangali, sule, murli, jogathi, bhavini, bogam, basavi nebst einigen anderen werden derartige Tempelfrauen bereits ab dem 7. Jahrhundert erwähnt; ihre Anzahl und auch ihr Tätigkeitsbereich scheint unterschiedlich gewesen zu sein. Glaubt man den Inschriften, so ließ der Chola-Monarch Rajaraja im Jahr 1004 vierhundert devadasis in den Haupttempel von Tanjore beordern und auch 200 Jahre später sollen hunderte devadasis im Tempel von Somnath in Gujarat gelebt haben. Offenbar gab es eine starke Verstrickung zwischen dem Tempeldienst und den Tanzvorführungen in den königlichen Palästen. Die devadasis standen somit in einem Dreiecksverhältnis zwischen dem Tempel und einem reichen, adeligen oder gar königlichen Patron, der den Tempel einschließlich seiner Priesterschaft und devadasis finanziell unterstützte. Als Tempeltänzerinnen erhielten die devadasis einerseits ein fixes Gehalt und Ackerland von ihrem Tempel, wurden andererseits aber mitunter selbst so wohlhabend, daß sie dem Tempel Gold, Lampen, Tiere oder ebenfalls Land schenken konnten. Außerdem wurden die devadasis nicht nur (ausschließlich von Männern!) in Musik und Tanz ausgebildet und durften lesen und schreiben lernen, sondern waren auch berechtigt, selbst Kinder zu adoptieren, als Haushaltsvorstand zu agieren, zu erben und das vom Tempel erhaltene Land selbst zu besitzen; "Privilegien", die für viele hinduistische Frauen bis zum heutigen Tag unvorstellbar sind.

Europäische Handelsreisende, Missionare und Mitglieder der britischen Kolonialmacht konnten mit der vorgefundenen Verbindung von Sexualität und Religion meist wenig anfangen und berichteten dementsprechend schockiert über die "Tempel-Prostituierten". Dennoch geben ihre Erzählungen interessante Einblicke in das Leben der devadasis in vergangenen Jahrhunderten. In seinem 1792 veröffentlichten Buch schildert Abbé Dubois unter anderem, daß wichtige Tempel jeweils acht bis zwölf devadasis beschäftigten, daß diese den Göttern zwei Mal täglich mit Tanz und "obszönem" Gesang huldigten, oder gar auch schöne Frauen ihren Ehenmännern von den priesterlichen Brahmanen für das unsittliche Tempel-Treiben weggenommen wurden. 1870 berichtet John Shortt davon, daß die geweihten Mädchen im zarten Alter von fünf Jahren ein hartes, dreijähriges Tanztraining begannen und bei Erreichen der Pubertät entweder von den Tempelpriestern selbst oder von dafür gut zahlenden reichen Männern defloriert wurden und fortan allen gleich- oder höherkastigen Männern zur Verfügung stehen müßten. Verhältnisse mit Männern mit niedrigeren Kasten oder Shudras (Unberührbaren) wurden mit Strafen geahndet und konnten sogar einen Ausschluß aus dem Tempelwesen zur Folge haben. In den meisten Fällen dürften sich vertraglich geregelte, längerfristige Konkubinate entwickelt haben, bei denen es der devadasi sehr wohl möglich war, selbst einen möglichst reichen, mächtigen und gebildeten Liebhaber auszuwählen oder hohe Summen für Tanz-Auftritte außerhalb des Tempels zu verlangen.

Religiöser Kontext

Bei der gesamten Thematik darf nicht außer Acht gelassen werden, was Sexualität und Religiosität im hinduistischen Kontext bedeuten. Vor allem im Süden Indiens haben sich drawidische, oft um Fruchtbarkeitsgöttinnen zentrierte, Kulte erhalten bzw. ab dem 5. Jahrhundert mit dem vedischen Hinduismus vermischt. Gleichzeitig wurde auch das tantrische Konzept der göttlichen Vereinigung von männlicher und weiblicher Energie (shiva-shakti) in die südindische Glaubenspraxis integriert. Vor diesem Hintergrund erscheint es durchaus plausibel, daß den sakralen Prostituierten wichtige Funktionen zuteil wurden und sie daher einen hohen Stellenwert genossen (und immer noch genießen). Devadasis sollten den bösen Blick, schlechte Ernten, Krankheit und Tod abwehren, das Tempelheiligtum pflegen und die höheren Mächte sowohl durch ihre Kunst (Gesang und Tanz) als auch durch ihre Sexualität gütig stimmen. Als Frau, die durch ihre Ehe mit der Tempelgottheit nie Witwe werden konnte (und dadurch niemals von der sati, der Witwenverbrennung bedroht war), galt und gilt die devadasi als nityasumangali, die Immer-Glückliche/Glückbringende. Devadasis wurden und werden oft auf Hochzeiten und zu anderen Festlichkeiten eingeladen, um den Anwesenden Glück zu bringen. In diesen Kontext passt auch das Sprichwort "to see a courtesan (or prostitute) is auspicious and the destruction of sin". Allerdings stellt sich hier die Frage, ob die solcherart bekundete Wertschätzung nicht einfach ein bequemes Instrument dafür war/ist, um mächtigen Königen oder reichen hochkastigen Männern eine gesellschaftlich akzeptierte Form der Promiskuität mit Frauen aus niedrigeren Kasten zu ermöglichen.

Wandel

Auch wenn der Status der devadasis in früheren Jahrhunderten durchaus kritisch zu betrachten ist, kann man davon ausgehen, daß sich ihre gesellschaftliche Position in den letzten 150 Jahren enorm verschlechtert hat und von den einst vorhandenen Privilegien kaum mehr etwas übriggeblieben ist. Begonnen hat dieser Wandel mit der Besetzung Indiens durch die Briten im Jahr 1857. Die durch die Kolonialherrschaft verstärkte Verbreitung der christlich-viktorianischen Ideologie führte bald zum Heranwachsen einer von westlichem Gedankengut beeinflußten Mittel- und Oberschicht, die das Phänomen der devadasis aus dem europäischen Blickwinkel zu betrachten begann. Gerne wurde die Tempelprostitution von den Brahmanen als für die "moderne" Frau entwürdigend kritisiert und mit fiktiven, keuschen und "reinen" Priesterinnen früherer Zeiten kontrastiert. Es gilt mittlerweile als gesichert, daß es derartige "hinduistische Nonnen" niemals gegeben hat und aus der geschichtlichen Distanz scheint auch der Anspruch der damaligen pro-britischen Sozialorganisationen äußerst fragwürdig, mit einem Verbot des devadasi-Kults den Status der Frau verbessern zu wollen. Vielmehr scheint es bei der groß angelegten Anti-Nautch (von natch = bestimmter devadasi-Tanz)-Kampagne ab 1882 eher darum gegangen zu sein, ein weibliches Privileg zu beseitigen, daß dem hinduistischen Patriarchat schon lange ein Dorn im Auge war. Durch gezielte Propaganda wurde den devadasis in den folgenden Jahrzehnten die Lebensgrundlage entzogen. Interessanterweise schien es dabei vor allem der europäisierten hinduistischen Mittelschicht ein Anliegen zu sein, im Ausland nicht mit "barbarischen" Bräuchen in Verbindung gebracht zu werden. Immer wieder wurden die britischen Besatzer damit bedrängt, Anti-devadasi-Gesetze zu erlassen, zumindest keine Auftritte von devadasis im Ausland oder vor hohen Regierungsmitgliedern zuzulassen. Zeitgleich mit der öffentlichen Diskreditierung der Tempeltänzerinnen entstand eine ebenfalls hochkastige revivalist-Bewegung, die den sadir-Tanz der devadasis zur rettenswerten klassischen Kunst stilisierte. Die Geschichte von den ehemals keuschen "Hindu-Vestalinnen" wurde dabei nur zu gern aufgegriffen, um den Tanz von seinem "unwürdigen" Umfeld zu "reinigen" und damit für die brahmanische Oberschicht salonfähig zu machen und als neue, für die indische Nation repräsentative Staatskunst zu etablieren.

Was blieb von den devadasis? - Heutige Situation

Um es mit Svejda-Hirschs treffenden Worten auszudrücken: "Es sind einzig und allein die devadasis selbst, die [...] zugrundegerichtet wurden. Weder der Tanz noch die Prostitution als solches wurden letztlich angeprangert oder verboten".

Tanz

Unter dem neuen Namen Bharatanatyam wurde der sadir ab den 1930er Jahren zu der international anerkannten indischen Tanzkunst. Paradoxerweise hatten manche der aufstrebenden revivalist-Künstlerinnen überhaupt keine Bedenken, bei den geächteten devadasis Unterricht zu nehmen oder sie sogar für die eigene Tanzakademie als Lehrerinnen anzustellen (wie etwa im Fall von Rukmini Devi, die für ihre berühmte Kalakshetra-Schule devadasis aufnahm). Als inhaltlich problematisch erwies sich vor allem die tänzerische Darstellung von Erotik (shringar) im Rahmen der hingebungsvollen Gottesliebe (bhakti), die schlecht zum asketischen Bild des "neuen" klassischen Tanzes passen wollte. Ohne den Tanz selbst allzu stark zu verändern, wurde das Problem letztlich durch eine stärkere Fokussierung auf abstraktere Inhalte und die zunehmende Sanskritisierung (Einbeziehung klassischer Sanskrit-Texte, Puja-Opfer auf der Bühne, Annahme brahmanischer Lebensformen) gelöst. Veränderte Auftrittsbedingungen, wie große Bühnen und neue Unterrichtsformen (bezahlter Unterricht an Tanzakademien statt Unterweisung durch gurus aus | devadasi |-Familien), taten das ihre, um den Konnex zu den devadasis und zur Tempelprostitution vergessen zu machen.

Prostitution

Zwar verschwanden die devadasis mit dem Prevention of Dedication Act 1947 aus den großen, prestigeträchtigen Tempeln, auf dem Land zeigte das Gesetz jedoch keinerlei Wirkung. 1975 wurden in Südindien drei- bis viertausend Mädchen der Göttin Ellamma geweiht und 1987 berichteten die Tageszeitungen des Bundesstaates Karnataka von der Weihe von tausend Mädchen, die im Beisein der Polizei erfolgte, als ob keinerlei Verbotsgesetze existierten. Auf die Weihe im Kindesalter folgt unweigerlich eine Zukunft als Prostituierte, die nach einer möglichst gut finanziell abgegoltenen Entjungferung durch lokale Potentaten meist ein Leben in einem Großstadtbordell bedeutet. Eine Ausbildung erhalten die heutigen devadasis nicht; die meisten können, ebenso wie ihre Eltern, weder lesen noch schreiben. Nach einer Statistik der Indian Health Organisation waren 1994 15% der 10 Mio. indischen Prostituierten devadassi. Durch die Weihe zur devadasi wird die Frau von der strengen Treue an einen Ehemann entbunden und erhält einen höheren gesellschaftlichen Status. Weitere Gründe für eine Weihe sind oft, wie in früheren Zeiten, familiäre Probleme (Krankheit, unerfüllter Kinderwunsch), die mit einem "Opfer" an die Dorfgöttin/den Tempelgott gelöst werden sollen, aber natürlich auch die bittere Armut und Unwissenheit, die die Eltern oft zur leichten Beute von Kupplerinnen und Bordellbesitzerinnen werden läßt. Tatsächlich verdienen die jungen Frauen in den Stadtbordellen meist ein Vielfaches von dem, was sie jemals als Landarbeiterinnen verdienen könnten und schüren bei ihren Besuchen im Dorf Hoffnung auf ein besseres Leben. Mit ihrem Geld erhalten sie neben den Kupplerinnen und Bordellbesitzerinnen vor allem jahrelang die eigene Großfamilie, die sich trotzdem oft nicht um gealterte oder kranke devadasis kümmert. Um die Altersversorgung zu gewährleisten, kaufen oder adoptieren viele devadasis Mädchen, die in den Teufelskreis eingespannt werden. Der Preis ist hoch: Ungewollte Schwangerschaften, Geschlechtskrankheiten und der Tod durch eine HIV-Infektion sind übliche Schicksale. Nur selten gelingt der Ausstieg durch Heirat oder eines der überaus zaghaft installierten staatlichen devadasi-Rehabilitierungsprogramme. Internationale NGOs versuchen zu helfen, doch um das Übel an der Wurzel zu packen, müßte vor allem der Staat in den Bereichen Armutsbekämpfung und Bildung aktiv werden.

14
Aug
2009

Tempelweihe und Prostitution — im Spiegelbild von heute im Land der Götter & Göttinnen

Schon die britischen Kolonialherren waren - allerdings mit mangelndem Sachverständnis - gegen die Weihe junger Inderinnen zum Tempeldienst angegangen. Während rituelle Aufgaben den Tempeldienerinnen früher ein Mass an Achtung und Würde verschafften, sind sie heute weitgehend auf Prostitution und Betteln angewiesen.

"Meine Tochter macht mir heute Vorwürfe: 'Warum hast du mich Ellamma geweiht?' Ich fühle mich dann sehr schlecht. Aber damals war das normal... Heute sagen die Leute: Es ist verboten, ein Mädchen der Göttin zu weihen; du könntest verhaftet werden." - Zögernd erzählt Balasundari, eine ältere Frau aus einem Dorf im südindischen Staat Andhra Pradesh, warum sie ihre Erstgeborene der Göttin weihte. Sie hatte gehofft, Ellamma werde ihr dann Söhne schenken. Zumindest werde die Geweihte - anders als eine verheiratete Tochter, die Teil der Familie ihres Mannes wird - sie im Alter versorgen.

Balasundaris Entscheidung ist nicht ungewöhnlich. Um Ellamma gnädig zu stimmen, weihen Eltern in den Dörfern von Andhra Pradesh bis heute ihre Töchter zu Tempeldienerinnen, wenn sie sich Söhne wünschen oder Probleme in der Familie auftreten. Diese "Dienerinnen der Göttin" waren einst geachtet, betont Nursamma, eine ältere Jogathi aus dem gleichen Dorf. Heute dagegen arbeiteten die meisten "als gewöhnliche Prostituierte". Gemäß Expertinnen dürfte dies tatsächlich zutreffen. Eine Jogathi darf nicht heiraten und muß jedem Mann, der mit ihr schlafen möchte, in welchem sie einen Stellvertreter des Gottes sieht, mit dem sie verehelicht ist, zur Verfügung stehen. 40 000 Jogati soll es derzeit in Andhra Pradesh geben, obwohl die Praxis seit 1988 gesetzlich verboten ist.

Dem System beizukommen, erfordert Mühe, weiß Nirmala, die eine entsprechende Nichtregierungsorganisation leitet. "Laß die Hände von unserer Kultur! Das ist unsere Religion." Zumal von Männern aus höheren Kasten wird Nirmala oft mit aggressiven Worten empfangen. Doch auch die Jogathi verteidigen häufig das System.

Es braucht Zeit, bis die Menschen Nirmala zuhören. Mit ihren Fragen versucht sie dann, die Jogati wenigstens zu einem kritischen Blick auf ihre "Tradition" zu bewegen. Warum drängen die oberen Kasten auf die Weihe neuer Jogathi? Warum kommen die meisten Jogathi aus Familien von Dalits (gebrochenen Menschen), wie sich Unberührbare heute nennen, jene Menschen also, die unter- und außerhalb des Kastensystems stehen? Offiziell wurde die Unberührbarkeit mit der indischen Bundesverfassung von 1950 abgeschafft, sie wird aber in vielen Formen weiter praktiziert. Für Nirmala, die selbst Dalit ist, steht fest: Das Jogathi-System, dessen Name regional variiert, ist eine institutionalisierte Demütigung von Dalitfrauen.

Aktivistinnen wie Nirmala geht es um Menschenwürde und -rechte der Jogathi. Parallel dazu gilt es nach Ansicht der am angesehenen Forschungsinstitut "Centre for the Study of Developing Societies" in Delhi tätigen Historikerin V. Priyadarshini, "die Unberührbare als Person zu rehabilitieren und ihrer kulturellen Verstümmelung entgegenzutreten". Man dürfe sie nicht nur als Opfer sehen oder gar als "Agentin der Unmoral". "Die Jogati muß in den Diskurs über Staat, Gesellschaft und Kultur integriert werden", sagt Priyadarshini.

In ihrem Buch "Recasting the Devadasi: Patterns of Sacred Prostitution in Colonial India" hat Priyadarshini die teilweise bis heute lebendige Tradition an der "Schnittstelle zwischen den Kulturen der Kastenhindus und jener der Unberührbaren" rekonstruiert. Zugleich hat sie die in der Kolonialzeit entstandenen Bewegungen zum Verbot des Systems evaluiert, in deren Zuge die Begriffe Devadasi (Tempeldienerin) und Nautch-Girls (tanzende Mädchen) zu zentralen Begriffen erhoben und damit die vielfältigen Identitäten dieser Frauen verschleiert wurden.

"Tempeldienerinnen" lassen sich laut Priyadarshini in mehrere Gruppen einteilen, insbesondere die Sumangali aus den niedrigen Kasten sowie die Jogathi und die Matangi, die in der Regel Unberührbare waren. Die Sumangali gehörten den grossen Tempelanlagen fruchtbarer Regionen an, wo sie als Sängerinnen und Tänzerinnen bei grossen Festen auftraten. Als hochgebildete Frauen wurden sie auch an Fürstenhöfe gerufen. Die Jogathi dienten als Ritualexpertinnen im ländlichen Raum. Ihre Gegenwart bei vielen Familien- und Dorffesten war erforderlich, um die Fruchtbarkeit von Mensch und Tier, eine gute Ernte sowie das Wohl der Gemeinde zu sichern.

Sowohl für die Jogathi als auch für die Matangi, die Dienerinnen der unberührbaren Göttin Matangi (in Form von Ellamma u.v.a.), lassen sich Rituale belegen, bei denen die strikten Reinheitsregeln des Kastensystems durchbrochen wurden. Körperkontakt, physische Nähe sowie das Teilen von Wasser und Nahrung mit Unberührbaren galten traditionell als Ursache ritueller Verschmutzung von Kastenhindus. Bei Hauseinweihungen aber, bei denen die Jogati "alles Unheil absorbieren" sollte, warfen sich hochkastige Frauen der Jogathi zu Füßen und boten ihr in dem den Göttern geweihten Raum des Hauses Speisen dar.

Die Matangi ihrerseits galt bei manchen Ritualen als von der Gottheit besessen. In wilder Trance bespuckte sie dann hohe Kastenhindus, die das hinnahmen, obwohl sie, wie Priyadarshini schreibt, "unter normalen Umständen den Tod einer solchen Verschmutzung vorziehen würden".

Derartige Rituale geben nach Ansicht der Historikerin Aufschluss über die Konstruktion von göttlich-weiblicher Energie (Shakti) und ihre Verankerung in der Gesellschaft. In ihrer Rolle als "Tempeldienerinnen" galten unberührbare Frauen als aktives weibliches Prinzip im sakralen Raum-Zeit-Gefüge. Ihre Shakti wurde auch in der sexuellen Vereinigung genutzt. So läßt sich der Glaube belegen, "daß ein Mann aus hoher Kaste durch die Begegnung mit einer sakralen Prostituierten mit göttlicher Energie aufgeladen würde; die Hindufrau erlangt dagegen ihre Shakti durch Keuschheit und Hingabe an ihre Familie".

Während die Unberührbare als Ritualexpertin somit maßgeblich für das Wohl der Kastengesellschaft zuständig war (durch ihr Fernhalten z.B. von Cholera und anderen Epidemien), wurde sie außerhalb ihrer rituellen Aufgaben auf die dem Kastensystem entsprechende Distanz gehalten. So erhielt die Jogathi bei ihrer Weihe eine Bettelschale, denn es gehörte zu ihren 'Rechten', um Nahrung zu betteln. Dies entsprach dem 'Recht' vieler Unberührbarer, als Entlohnung für ihre Dienste im Dorf Essen zu erbetteln.

Das Devadasi-System lässt sich nur vor dem Hintergrund eines hierarchischen religiösen Systems sowie feudal-patriarchaler Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen verstehen, betont Priyadarshini. Sie studiert nun die aktuellen Formen des Systems, dessen kulturell-religiöse Komplexität Missionaren und britischen Kolonialisten im 19. Jahrhundert unzugänglich geblieben sei. Sie deuteten die 'Tempelprostitution' als Zeichen der "sexuellen Pathologie" der Inder. Auf diese Vorwürfe reagierten westlich gebildete Kastenhindus mit Reformkampagnen, die bald viele lokale Traditionen als Verirrung oder Volkshinduismus abtaten. Erste Gesetze, die die Widmung von Devadasis verboten, wurden als "moralischer Sieg" gefeiert. Kulturelle Legitimität wurde der "klassischen Tradition" zuerkannt, schreibt Priyadarshini. Zum Ideal der Hindufrau wurde die keusche, reine Ehefrau und Mutter erhoben.

Doch "es ist simplistisch, gesellschaftlich und ideologisch verankerte Gebräuche als Verirrung abzutun", erklärt die Historikerin, die an der De- und Rekonstruktion der Wahrnehmung und der Identität dieser sakralen Prostituierten arbeitet. Die Jogatih Nursamma in Andhra Pradesh ist für sie Teil einer lebendigen Tradition. Kastenpraktiken blieben in Teilen von Andhra Pradesh lange unverändert, sagt Priyadarshini. Durch das Verbotsgesetz von 1988 habe die Praxis der Tempelweihe zwar an Akzeptanz verloren. Sie werde aber bestehen bleiben, solange nicht die Besitzstrukturen und -rechte zugunsten der Unberührbaren verändert würden und diese die Chance erhielten, ein Leben in Würde zu führen.

13
Aug
2009

Die Verlogenheit des Systems - dingfest gemacht an einem Beispiel zur Drogen-(Medien)-Politik

Auf einen jüngst in den Medien Finnlands online erschienenen Titel "Während der DBTL-Festwoche gab es Dutzende Rauschmittelvergehen" vom 11.8. hin kam es zu einer Reihe von Leserkommentaren, die unterschiedliche Meinungen vertreten. Die ersten drei Kommentare finden auf der Seite der Nachricht selbst noch Platz, während für die weiteren ein Link zu einer Seite 2 ausgewiesen ist. Will man diesem Link folgen, kommt man jedoch nicht auf die gewünschte Fortsetzungsseite der Kommentare, sondern wird mittels einer abstrusen, langen DocId-Nummern-Spezial-Link-Adresse auf die Gemeinübersicht des Rubrikfeldes zurückgeworfen, und das gleiche passiert auch bei einem zweiten Link zu den Kommentaren zu besagtem Artikel, der letztere auf einer gesonderten Seite schematisch zusammenstellen soll. Ganz klar soll hier etwas verdeckt werden. Nur durch einen Trick der Rekonfiguration der Spezial-Link-Adresse anhand einem Vergleichslink zu einem anderen Kommentare-Thread des gleichen Blatts ist es mir gelungen, doch noch den einen weiteren, vierten zu der Nachricht eingestellten Kommentar einzuschauen. Und genau dieser ist denn auch vom politischen Standpunkt her der brisanteste und insofern für die Entscheidungsträger der Landes der ungemütlichste. Einer, der dem Blickfeld der breiten Masse "entzogen gehört". Ich gehe davon aus, daß die computertechnologische Abteilung der Kriminalpolizei ihre Finger da im Spiel gehabt hat, und willentlich die Link-Konfiguration verdreht hat. Zensur auf Finnisch! Dasselbige hätte aber sehr wohl, außer in Holland, in jedem x-beliebigen anderen westlichen Land vorkommen können. Es spricht dieser Vorfall wiederum einmal eindeutig davon, wie naiv eigenmächtig, unaufrichtig und wider besseres Wissen inkonsequent das politische System der westlichen Demokratien ist.

In der eingangs erwähnten Nachricht hieß es u.a. folgendes: Die zur Zeit des einwöchigen Happenings Down By The Laituri (Drunten Am Wharf) in Turku ausgeführte Intensivüberwachung von Rauschmitteln brachte Dutzende von Gebrauchs-, Vertriebs- und Anbauvergehen an den Tag. Nahezu alle Fälle stehen im Zusammenhang mit in Turku und in Piikkiö entdeckten Plantagen.

In Turku wurden in Privatwohnungen 17 Pflanzen der Gattung Cannabis Sativa sowie Gerätschaften zum Anbau derselben sichergestellt. Der Fall wird als besonders schweres Rauschmittelvergehen geahndet.

Die von einigen einzelnen kleineren Konfiszierungen ausgegangene Durchsuchung schwoll an, und nun stehen über 60 Personen im Verdacht eines Vergehens gehen das Rauschmittelgesetz. 40 von jenen sind Ersttäter.

Von den Verdächtigen sind ungefähr zehn festgesetzt oder verhaftet worden. Drei Personen wurde ein Reiseverbot verordnet.

Nicht alle Vergehen sind auf dem DBTL-Happening aufgedeckt worden.

Wann-endlich-wird-Cannabis-uberall-legal-sein

Hier nun dazu Kommentar N°1:

ÜBERSETZUNG
(von 'Klartextredner')

Das gleiche nun im Klartext
auf gut Finnisch (bzw. hier auf gut Deutsch): die Polizei fand einige harmlose Kiffer, stellte daraufhin Hausdurchsuchungen an und fand noch mehr harmlose Kiffer, die noch nicht einmal jemals mit der Polizei etwas zu tun gehabt hatten. Wie gut es ist, daß die Polizei Finnlands richtig ihre Kraftreserven auf die Abwehr von Kriminalität und auf die Verbesserung des Schutzes der Bürger ausrichtet.


Kommentar N°2
(von 'Malocher') als eine Antwort auf Komm. N°1 :

GEHT BEEREN BROCKEN

Genau richtig, gute Klartextübersetzung. Und es muß wohl auch die Polizei sich ihren Lohn verdienen. In ganz Finnland dürfte sich wohl kaum etwas wichtigeres finden, als der schrecklich gefährlichen Hanf-Droge nachzustellen. Bagatellfälle sind dahingegen zum Beispiel Vergewaltigungen von jungen Damen im Park und grobe Mißhandlungen usw., im Vergleich zu jenen narkomanischen, Kirchen in Brand steckenden, Gangster-Hippies, die sich auch noch in aller Ruhe das illegale Hanfkraut reinziehen. Die Polizei ist sicherlich recht stolz auf ihre Errungenschaften.

Im Ernst, macht doch mal etwas Vernünftiges. Es stinkt einem, für zwei Jobs die Steuern zu bezahlen und ein derartiges Herumgealbere mitzufinanzieren. Werdet endlich erwachsen !


Kommentar N°3
(von 'Steuerzahler'):

IST SCHNAPS NICHT MEHR GUT GENUG?

Ach, du liebes Bißchen! Kann man denn nicht endlich diese elendigen Hippies in ihre Schranken weisen?! Ein klein wenig Respekt den finnischen Gesetzen gegenüber! Weshalb verbraucht die Polizei Resourcen für irgendwelche Wahlgeldergeschichten oder für sonstwie unsinnige Sachen, wen interessiert das? Sämtliche Resourcen sollten UNMITTELBAR gegen die ins Spiel gebracht werden, die diesen psychotischen Mummenschanz auf den Weg bringen.


Und nun kommt der vierte, offensichtlich von der Zeitungsredaktion und/oder der KRP wegsteckte Kommentar N°4
(von 'Ein seine Steuern bezahlender Hänferich'):

DIE POLIZEI HANDELT GESETZESWIDRIG

Das Schnellbußgeldverfahren der Polizei ist zu einem den Absichten des Gesetzgebers zuwiderlaufendem Bußgeldautomaten verkommen. Auf der Grundlage von Informationen einer in dieser Woche zu veröffentlichenden Dissertationsschrift werden die einer Therapie Zuführung und der Verzicht auf [strafrechtliche] Maßnahmen in der Praxis gemeinhin nicht angewandt, obwohl das Gesetz dieses vorsieht. Anstelle davon tragen die Aktivitäten der Polizei zur Diskriminierung der Jugendlichen bei und rauben den Behörden die Resourcen, die besser zur Ahndung schwerwiegenderer Verbrechen eingesetzt wären. Wenn man außerdem noch in Betracht zieht, welche Rauschmittelstoffe am meisten Krankheits- und Todesfälle verursachen, so stehen sich die Handlungsweise der Behörden und die Volksgesundheit völlig konträr gegenüber.


Ein Nachtrag: Mittlerweile funktioniert der beanstandete Link zum vierten Leserkommentar wieder. Man muß sich nur beschweren. Dann passiert auch etwas. Allerdings ist dies angesichts des Endziels noch ein sehr kleiner Etappensieg.

Ein weiterer Nachtrag: Einschlägige Dissertation bereits vorgelegt

Wie im vierten Kommentar angekündigt, und aus einer finnischen Pressemitteilung von heute, dem 14.8.2009, hervorgeht, wurde tatsächlich bereits eine Dissertationsschrift nun vorgelegt, die besagt, daß gegen Drogenbenutzer in Finnland zusehends härter vorgegangen wird.

Im einzelnen heißt es in der Pressenachricht, daß man nur sehr selten ohne Bußgeldstrafe bei einem Drogengebrauchsdelikt davonkommt. Wenngleich die im Jahre 2001 durchgeführte Gesetzeserneuerung dahin strebte, die Strafe, die jemandem aus einem reinen Gebrauchsdelikt im Zusammenhang mit Rauschmitteln erwachse, milde ausfallen zu lassen, wäre in der Praxis die Bestrafung verschärft worden.

Gemäß der frisch erstellten Dissertationsschrift, schreibe die Polizei Benutzern von Rauschmitteln nahezu automatisch Bußgeldbescheide aus, obwohl bei geringfügigeren Vergehen das Bußgeld auch durch eine Verwarnung ersetzt werden könne. Ebenso wäre die Linie der staatlichen Ankläger in den 2000er Jahren eine härtere geworden.

Sinn und Zweck des Gesetzesumbaus sei es nebenher gewesen, immer mehr Gebrauchsdelinquenten einer Therapie zuzuführen. Auch darin sei man gescheitert.

12
Aug
2009

Besorgniserregender Kenntnisschwund bezüglich der Pflanzen im eigenen Umland

Wie aus einer Untersuchung zu einer Dissertation der finnischen Doktarandin der Pädagogik Arja Kaasinen hervorgeht, erkennen die Jugendlichen von heute kaum mehr die Pflanzen in der Natur. Die Situation dürfte diesbezüglich auch in Deutschland nicht viel anders sein.

Laut den Forschungsergebnissen der Dissertationsschrift fällt das Erkennen von Pflanzenarten bei Schülern der Unterstufe bis hin zu den Hochschulstudenten und Lehrern allgemein schwach aus.

Am besten würden Mädchen und auf dem Lande eine Schule besuchende Jugendliche noch die Pflanzen der freien Natur erkennen. Am schwächsten zeigte sich hingegen der botanische Wissenstand bei den Jungen und bei Schülern und Schülerinnen, die in den größeren Städten zuhause sind.

Kaasinen untersuchte die Kenntnisse der Pflanzen, indem sie den Versuchspersonen sowohl richtige Pflanzen als auch Bilder von Pflanzen zeigte und Befragungen und Interviews durchführte.


Im Zuge der Studie erwies es sich, daß selbst bei Lehrern die botanische Sachkenntnis nicht gerade überragend ist. Aus den Antworten der Klassenlehrer und auch der Hochschullehrer für Fächer, die mit der Umwelt zu tun haben, zeigte sich, daß unterschiedlich klaffende Wissenslücken bestehen.

Kaasinen stellt den Vorschlag vor, daß man den botanischen Unterricht in einer echt natürlichen Umgebung und mit abwechselnden Methoden abwickeln sollte. Die Dissertationsschrift wird am kommenden Freitag in Helsinki gegengelesen und geprüft.

11
Aug
2009

Auf den Computer gekommen, mit viel Feeling für Musik

Ein Computer ist in der Lage, fehlerlos 60-90 Prozent der Emotionen zu erkennen, die sich in einem Musikstück niedergeschlagen haben. Eine an der Universität im finnischen Jyväskylä arbeitende Gruppe von Forschern hat ein Programm entwickelt, mit dessen Hilfe ein Computer es schafft, vorherzusagen, welche Stimmung eine bestimmte Musik in einem Menschen auslösen kann.

- In der Musik gibt es immer akustische Regelhaftigkeiten, die unser Rechner fast in Realzeit erkennen kann, teilt der Studienforscher seines Spezialgebiets Tuomas Eerola mit.

In einem internationalen EU-Projekt kartographierten die Forschenden mittels Fragebögen, wie Menschen unterschiedliche Charaktereigenschaften von Musik wahrnehmen. Die Ergebnisse wurden dem Rechner eingegeben und so verwandelte sich so ganz neben her der Computer zu einem Experten für Musik und Feeling.

Eerola läßt wissen, daß fundamentale Gefühle, wie Freude und Leid, für den Computer schon ein wenig zu leicht wären. Darum setzen die Betreiber der Studie auch lieber auf eine diffizilere Gefühlsskala.

- Ein Problem, auf das wir eigentlich bei der ganzen Gefühleerkennungsgeschichte immer wieder gestoßen sind, ist es gewesen, wie die einzelnen Gefühlslagen auseinanderzuhalten sind, reflektiert Eerola.

- Wir sprechen von Mustern, die unterschiedliche Dimensionen beinhalten. Musik kann abwechslungsweise energisch und nicht-energisch oder spannungsgeladen und nicht-spannungsgeladen sein.

Eerola berichtet, daß es erst im Laufe eines Jahres gelungen war, überhaupt einmal ordentlich zu erfassen, wie die Menschen die Stimmungen in der Musik wahrnehmen. Ein an der Universität von York ausgeführtes Studienprojekt zeigte vor kurzem, daß Musik die vielfältigsten Gefühle auslösen kann. Die Erforscher der subtilen Materie listeten unter anderem gefühlsgeschwängerte Anwandlungen wie die des Bezaubertseins, der Energiegeladenheit, der Wehmut und der Nostalgie auf.

Eine mit schwedischen Zuhörern der Euterpe erstellte Studie klärte ihrerseits auf, daß selbst traurige Musik selten negative Gefühle weckt.

Laut Eerola könnten sogar schwierigst zu bestimmende Gefühle dem Computer eingegeben werden, wenn es einem nur glückt, die Regelhaftigkeit, die dahinter steckt, auszumachen. Er betont jedoch, daß die Emotionen, die eine gewisse Musik hervorruft, individuell äußerst verschieden ausfallen können.

- Im Radio dudelt als ein Beispiel irgendein sehnsüchtiger finnischer Schlager, der ganz klar melancholisch ist. Der erzeugt aber nun im eigenen Kopf nicht unbedingt etwas anderes als vielleicht nur ein eher ärgerliches Erlebnis, sagt Eerola und lacht dabei auf.

Die Schulung des Computers ist bei der Arbeit der Forscher in Jyväskylä lediglich ein Mitläufer. Das EU-finanzierte Projekt konzentriert sich unter anderem darauf, darüber Klarheit zu gewinnen, auf welche Weise Musik als eine Form der Therapie anzuwenden ist.

- Uns interessiert, weshalb Musik überhaupt solche starken Erlebnisse schafft, sagt Eerola und erzählt, daß er jedes Mal aufs neue von der Effektivität einer Musiktherapie erstaunt sei.

Er bekennt, daß in der Forscherclique spaßeshalber überlegt wurde, wie sich aus den Vorlagemodellen für den Computer gar gewinnträchtige iPhone-Anwendungen designen ließen.

- Man könnte daraus ein Anwendungspaket von vielleicht fünf Euro zusammenschnüren, mit dessen Hilfe das Handy in Realzeit die in einem Musikstück waltende Gemütslage reconnaissierte. Es würden ganz sicher mindestens ein paar Zigtausend Amis das Ding auf einem Festival ausprobieren wollen, um zu testen, ob Metallica gerade aggressiv oder weniger aggressiv spielt.

Eine Verkommerzialisierung interessiert die Forschenden indes zumindest vorläufig nicht in dem Maße, um im Ernst die Erzeugung eines Produkts in Erwägung zu ziehen.

- Wir stellen uns vielleicht ein wenig dusslig an, aber die Finanzierung ist uns ja gesichert. Und wenigstens mich treibt in erster Linie das Interesse an der Sache an, wie es Eerola quittiert.

Andere Länder, andere Sitten

Das Auseinanderpflügen des Sexlebens in einem Fernsehprogramm hat einem Mann, der derartige Bekenntnisse von sich gelassen hat, im islamischen Saudi-Arabien großen Ärger eingebracht. Die in Dschedda ansässige Dienstzentrale des Fernsehkanals, auf dem das Programm gesendet wurde, wurde letztes Wochenende dichtgemacht.

Angefangen hatte das ganze damit, als der dreißigjährige, für eine Fluggesellschaft arbeitende Mazen Abdul-Dschawad, in einem im Juli gesendeten Programm bezüglich seines Sexlebens sich recht unumwunden offenbarte. Abdul-Dschawad ließ unter anderem wissen, daß er 14-jährig seine knabenhafte Unschuld verlor, außerdem beschrieb er, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, seine Lieblingsspielzeuge beim Sex und seine Stoßmethoden.

Das offene Reden über diese Angelegenheiten führte vor einer Woche nun zur Festnahme von Abdul-Dschawad, denn es wird dafürgehalten, daß er mit dem islamischen Scharia-Gesetz gebrochen hätte, auf dem die Gesetzesregelung Saudi-Arabiens basiert. Nach einer Meldung der BBC kann der Mann mit einer Gefängnisstrafe oder einer Auspeitschung rechnen, da ein vorehelicher Sex im Lande verboten ist.

Derzeit klären die Behörden nun ab, welche Vorwürfe gegen Abdul-Dschawad erhoben werden sollten. Gemäß einer Einlassung der Polizei könne die Anklageabwägung noch einige Zeit in Anspruch nehmen, zumal es keinen Präzedenzfall hierzu gibt.

Abdul-Dschawads Auftritt gelangte auch auf YouTube ins Internet, wo jener über 400'000 Mal angeschaut wurde, bis daß die Zensur des Staates zuschlug.

Abdul-Dschawad hat sich mittlerweile für das, was er gesagt hat, offiziell entschuldigt.

Drei unterschiedliche Stellungnahmen, die mir hierzu einfallen:

1. Ganz recht so

Es geschieht ihm ganz recht, daß er verurteilt wird. Es handelt sich hierbei um eine gewisse sensationslüsterne Art von Berichterstattung, nach dem Muster, daß, wenn es bei den Briten in Ordnung ist, in der Öffentlichkeit mit pornographischen Enthüllungen zu flunkern, man sich dann wundert, wenn es anderswo nicht okay ist.

Der Kollege hat gegen ein Gesetz verstoßen, dessen Inhalt ihm sehr wohl bekannt war. Eigentlich überflüssig, über so etwas überhaupt eine Nachricht einzustellen: man lasse nur ganz in aller Stille die Peitsche knallen. Genau auf die gleiche Art könnte auch bei den Saudis eine Sensationsnachricht aufgemacht werden, wenn ein Deutscher vier Frauen hat und deshalb ins Gefängnis gesteckt wird. Da würde man dann sich in Dschedda wundern, was dem Kollegen da eigentlich vorgeworfen wird.

Könnte man nicht endlich damit anfangen, andere Kulturen zu begreifen?

2. Internationales Menschenrechtsabkommen

Wir leben in einer sich vereinenden Welt, so daß das sich auf die Bibel gründende Recht der westlichen Länder besser ist als das Auge um Auge, Zahn um Zahn des Islam.

3. Was für ein Recht?

Seitdem christliche Kongregationen den Wucherzins in den westlichen Ländern tolerierten, hat man hierherum nicht mehr von einer auf der Bibel beruhenden Gesetzesregelung reden können. Obama brachte dies auch sehr gut in seinem Buch
Audacity of hope zum Ausdruck: wollten die USA die Bergpredigt als Leitschnur hernehmen, müßten sie als erstes mit der Armee Schluß machen.

Ist denn nicht unser Rechtssystem ein Auge ums Auge und zwischendrin ein bißchen schlimmeres sogar? Außer wenn es sich um Wirtschaftsverbrecher handelt.

Andere Länder, andere Sitten. Wie denkt Ihr darüber, liebe Leser?

10
Aug
2009

Die bürokratischen Mühlen im geeinten Europa mahlen immer noch sehr langsam und keineswegs synchron

Hatte Deutschland wirklich gemeint, es sich leisten zu können, das nördliche Nachbarland Finnland einzig wegen einer Geistesgestörten zu verprellen? Oder war das die späte Rache für die Schließung des Nokia-Werks in Bochum?

War es in Deutschland überhaupt bekannt geworden, daß Nokia auch bei sich zuhause in Finnland zig Stellen abgebaut hat, nicht nur in Deutschland?

Ich finde es schlimm, daß über dem Schicksal einer offensichtlich geistig umnachteten Frau aus Finnland, die nahezu acht Monate auf den Berliner Flugplätzen Tegel und Schönefeld kampierte, zwischenzeitlich gar spurlos verschwunden war, die halbwegs guten Beziehungen, die bisher zwischen Finnland und Deutschland herrschten, vollends in die Brüche zu gehen drohten, wiewohl die Präsidentin Finnlands ihren guten Willen gezeigt und nach der Tragödie des Todesschützen von Winnenden sogleich offiziell ihre Anteilnahme bekundet hatte.

Es wäre wohl ein leichtes gewesen, wenn man nur ein bißchen diplomatischer vorgegangen wäre, Mittel und Wege zu finden, ein derartig kleinliches Problem anders in den Griff zu bekommen als durch die von seiten Deutschlands an den Tag gelegte Sturheit.

So liegen denn zwischen zwei Berichten in finnischen Zeitungen, aus denen ich im nachstehenden hier zitiere, sage und schreibe ganze fünf Monate dazwischen.

Als erstes die Zusammenfassung von zwei Artikeln der finnischen Presse vom 10/11.3.2009, von denen der Titel des einen "Finnland und Deutschland am Händeringen um eine Frau im Flughafen" lautete:

Über dem Schicksal einer Finnin, die lange Zeit im Flughafen von Berlin kampierte, ist ein Streit zwischen den deutschen und den finnischen Behörden entbrannt.

Deutschland hat der Frau einen Platz in einer nächtlichen Herberge für Obdachlose zugewiesen, während sie laut finnischen Sachverständigen unmittelbar einer Therapie bedürfte.

Die Behörden wägen nun ab, ob man der Frau einen Interessenvertreter zuweisen könne und ob es sinnvoll wäre, an die deutschen Behörden ein Auslieferungsbegehren heranzutragen.

Der mehr als dreimonatige Aufenthalt der Frau in Deutschland könnte auch für illegal erklärt werden, das könnten jedoch nur die Deutschen machen.

Die Frau, die in ambulanter psychiatrischer Behandlung gewesen war, flog Anfang Dezember von Helsinki nach Berlin und verblieb, nachdem sie die Maschine verlassen hatte, in den öffentlichen Räumen des Flughafens von Tegel, wo sie seither hauste.

Nach nahezu drei Monaten ihres Aufenthalts dort begann die Flughafenpolizei, die Frau als einen Störenfried anzusehen.

Dem Pfarrer der finnischen Gemeinde von Berlin gelang es, für die Frau einen Platz in einer psychiatrischen Abteilung zu organisieren, wo sie darauf warten würde, zur Behandlung nach Finnland zurückgebracht zu werden.

Der mehr als dreimonatige Aufenthalt der Frau in Deutschland könnte auch für illegal erklärt werden, das könnten jedoch nur die Deutschen machen.

Mittlerweile ist die Frau aber nun seit dem gestrigen Tag spurlos verschwunden.

Im [finnischen] Ministerium fürs Rechtswesen ist man der Ansicht, daß Finnland keine Möglichkeit hätte, auf die Beschlüsse der deutschen Behörden einzuwirken.

Auch im [finnischen] Außenministerium ist man der Ansicht, daß sich derlei Dinge eigentlich nicht gehörten.

- Von der Valvira-Stelle, bzw. dem ehemaligen Zentrum für den rechtlichen Schutz der Gesundheitsbetreuung aus ist bereits Kontakt aufgenommen worden mit dem Gesundheitsministerium von Deutschland, eine Antwort ist jedoch bislang nicht erteilt worden. Weitere Mittel auf der Sozial- und Gesundheitsfürsorgeseite gebe es nicht, sagt Oberarzt Markus Henrikson.

Laut Henrikson weisen die Informationen darauf hin, daß die Frau eine sofortige Therapie bräuchte.

Der leitende Arzt des Gesundheitszentrums der Stadt Kauniainen, der zusammen mit zwei Pflegern angeflogen kam, um die Patientin abzuholen, bekam in der Berliner Klinik eine kalte Dusche verabreicht.

Die deutschen Arztkollegen wollten die Zwangsüberweisung in finnische Behandlung nicht akzeptieren, sondern erklärten, daß die Gesetze Finnlands in Deutschland keine Gültigkeit hätten.

Ebensowenig kam der Frau die geringste medizinische Behandlung noch irgendeine Form einer Pflege zu. Nach deutschem Gesetz würde nichts derlei verabreicht, falls sich der Patient dagegen sträubt.


Als nächstes nun zu dem Fall der Abschlußbericht vom 3.8.2009, also fast fünf Monate später. Überschrift: "Die in Berlin umhergeirrte Finnin flog nach hause"

Die auf den Flughäfen von Berlin monatelang herumgeirrte Frau aus Finnland ist ins Heimatland zurückgekehrt...

Die ernsthaft psychisch kranke Frau flog am Freitag nachmittag nach Helsinki. Laut Informationen des Nachrichtenbüros wurde die Frau unterwegs von einer Rechtsanwältin begleitet.

- Im Zusammenhang mit der Heimkehr ist nichts Dramatisches passiert, berichtet die Juristin Ann-Sofie Högström aus der Abteilung für Konsularangelegenheiten des [finnischen] Außenministeriums.

Das zuständige Berliner Gericht begründete seinen Beschluß, die Frau nach Finnland zurückgeleiten zu lassen, mit der Sorge um das Wohlergehen der Frau.

Das Schicksal der Finnin hat in Deutschland Aufsehen erregt.

Die Frau in ihren Vierzigern, die sich in einer offenen Therapie befunden hatte, reiste im Dezember von Helsinki nach Berlin und verblieb in den öffentlichen Räumlichkeiten des Flugplatzes Tegel, wo sie es sich häuslich einrichtete. Nachdem sie kurz in einer psychiatrischen Klinik und in einer Übernachtungsstätte für Obdachlose gewesen war, irrte die Frau weiterhin abwechslungsweise auf dem Flugplatz von Tegel und auf dem von Schönefeld umher.

Das Außenministerium Finnlands hatte im März die deutschen Behörden darum gebeten, Maßnahmen zu ergreifen, damit die Frau einer ärztlichen Behandlung zugeführt würde. Gleichermaßen hatte sich der in Berlin lebende Pfarrer aus Finnland Kai Henttonen dafür eingesetzt, daß der Frau geholfen würde.


Nicht gerade eine exemplarische Vorgehensweise von seiten Deutschlands. Ein bißchen mehr Flexibilität sollte man denn doch von einem geeinten Europa erwarten dürfen!
against enslaving

Eine Welt so ganz ohne Geld

"Benefits Supervisor Awakening" für Menschen, die durch und durch Mensch sind und nicht mehr länger ums Goldene Kalb herumtanzen wollen

mit vielen Überraschungs-Effekten:

interessante Links an Stellen, wo keiner sie vermutet

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Musikalisches


Amy Martin
Day of Reckoning

Pekka Pohjola von der finnischen Jazz-Rock-Band Wigwam, verst. im Nov. 2008
Pressure

Wird das arme Sparschweinchen schon irgendwo auf der Welt in seine wohlverdiente Freiheit entlassen?

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Zuletzt aktualisiert: 21. Okt, 16:19

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