12
Okt
2009

Die Geschichte des finnischen Underground - ein Land strampelt sich von seinen altväterlichen Zwängen frei

Als man in Finnland noch in der Zeit lebte, da in den Restaurants Krawattenzwang herrschte und Verhütungsmittel als "sanitäre Gebrauchsartikel" galten, wurde in Turku und in Helsinki eine neue Untergattung von Kultur geschaffen, in welcher mutig der Gebrauch von berauschenden Mitteln, unterschiedliche Musikstile und eine avantgardistische Performancekunst untereinander verquickt wurden. Die zwischen den Jahren 1967 und 1970 mit weitreichenden Auswirkungen in Erscheinung getretene Underground-Bewegung behauptete sich auf dem musikalischen Sektor durch eine Kapelle aus Turku namens Finnlands Winterkrieg 1939-1940, sowie durch The Sperm aus Helsinki, deren Mitglieder Musik und avantgardistische Aktionskunst miteinander in Einklang brachten.

Die ausklingenden 1960er Jahre waren in etlicher Hinsicht eine Zeit des Umbruchs gewesen. Gleichzeitig, als patriotisch gesinnte Hochschulstudenten Fackelumzüge veranstalteten, zeigten in Kreisen junger Intellektueller radikale kulturelle Tendenzen allerlei tückische Gesichter. Radikale jugendliche Kulturschaffende fanden sich aus den Reihen von auf Tourneen gehenden Musikern, Theatermachern und Literaten, sowie auch aus denen avantgardistischer Künstler zusammen. Die jungen Intelligenzler waren an Waffenabrüstung, an Problemen, die mit dem Rassismus zusammenhingen, an Sexualpolitik, und an der Erweiterung ihres Bewußtseinshorizonts interessiert - ganz zu schweigen davon, daß sie drauf und dran waren, eine neuartige, revolutionäre Kultur ins Leben zu rufen.

Radikalisierte Studenten entdeckten eine Seelenverwandtschaft mit dem kulturumwälzenden Jungvolk und trugen ihrerseits zum Aufkommen von neuartigen musikalischen Strömungen in Finnland bei. In der Musikszene passierte eine kleine Revolution, als die Leute merkten, daß das Aufnehmen einer Schallplatte eigentlich gar nicht so teuer kommt. In den Jahren 1967-68 wurde denn auch in Eigenregie eine gewaltige Menge davon in Umlauf gebracht. Durch das Zusammenwirken von Hippiebewegung, experimenteller Musik, der avantgardistischen Kunst und der kulturell radikalen, das Établissement in Frage stellenden Intellektuellen kam Mitte der 1960er Jahre eine Underground-Bewegung auf, die ihre Wesensart aus ebenjenen genannten Elementen bezog. Oft wird die Underground-Bewegung der Punk-Bewegung zugeschlagen, viel eher könnte man aber sagen, daß der finnische Punk aus dem Underground hervorging, oder aus dessen Aschenglut.

Als einen Startschuß für das Entstehen des Underground darf man gewissermaßen die Kulturtage von Jyväskylä des Jahres 1966 rechnen, auf denen der Student Mauri Antero Numminen einen kleinen Skandal auslöste, indem er dem Festpublikum einen Leitfaden zu sexuellem Verhalten vorsang. Numminen wurde samt seiner Kapelle des Festgeländes verwiesen, und es war ihm und seinen Mannen keineswegs gelungen, die Polizei davon zu überzeugen, daß sie völlig innerhalb den Schranken des Gesetzes gehandelt hätten, da sie doch nur Abschnitte aus einem Leitfaden vortrugen, den "selbst ein jedes Kind im Buchhandel erwerben und lesen kann". Die Staatsgewalt war vielmehr der Anschauung, daß Numminen ernsthaft gegen die zwischengeschlechtliche Disziplin und gegen die Regeln eines gesitteten Verhaltens verstoßen hätte. Seither sind die Kulturtage von 1966 vornehmlich unter der Bezeichnung (Sexual-)Sommer von Jyväskylä bekannt.

Die Underground-Bewegung war von ihrer Personenzahl her nicht weltbewegend gewesen. In den Underground-Zirkeln von Helsinki turnten nicht einmal 50 Leute herum. Für deren eigentliches Entstehungsjahr mag man das Jahr 1967 halten. Im selben Jahr war Jimi Hendrix im Haus der Kultur aufgetreten, und die im Geiste von Woodstock fortlebende Hippie-Idee hatte in Finnland eingeschlagen. Am Allerheiligentag 1967 trat die legendäre Underground-Band The Sperm - ursprünglich unter dem Namen "die Heiligen Männer" gegründet - zum ersten Mal als solche ins Erscheinungsbild. In der Besetzung waren anfangs der Kunstkritiker J.O. Mollander, der Schmalfilmregisseur Peter Widén und der Musiker Pekka (Acu) Airaksinen dabei. Späterhin, im Sommer 1967, war, als Leitfigur von Sperm, der wahre Agitator der Gruppe gefunden worden, der Performance Champion Mattijuhani Koponen.

Sperm sog in sich Einflüße auf sowohl vom Jazz der Avantgarde als auch von der experimentellen Gegenwartsmusik, wie von Hendrix und The WHO. Beim Erzeugen ihrer Musik wurde reiner Krawall als Element eingesetzt, im Zusammenspiel mit verrissenen E-Gitarren, einer heidnischen Urwaldtrommel, einem Saxophon und wuchtigen Piano-Solo-Einlagen. Als Instrumente dienten auch Autoschlüssel und ein alter Plattenspieler, auf dem man zur Würzung der restlichen Musik Pornoplatten abspielen ließ. Neurotisches Gelärme und wild avantgardistische Aktionskunst-Bühnenstücke ließen die Vorstellungen von Sperm zu facettenreichen, interdisziplinären Kunst-Events werden, bei denen es passieren konnte, daß von der Bühne aus schon mal lebende Hühner und Essenswaren ins Publikum flogen. Zuweilen lagen die Mitglieder der Band in Särgen auf der Bühne herum. Sperm war um ein paar Jahrzehnte der verwegenen Theatergruppe °Jumalan teatteri [Theater Gottes] um Jouko Turkka voraus.

Sperm brachte eine Mini-LP und im Eigenverlag eine Langspielplatte heraus. Der kommerzielle Erfolg beider fiel jedoch schwach aus. Die Gruppe veranstaltete im Februar 1968 im Haus der Kultur ein dreitägiges Sperm-Festival, für welches ganze 42 Eintrittskarten verkauft wurden. Die Bandmitglieder kümmerten sich allerdings nicht weiters ums Publikum, sondern zogen, bekifft, wie sie waren, zum eigenen Vergnügen ihre Licht- und Klangperformance-Kunst durch.

Der revolutionäre Charakter der Umtriebe der Gruftigruppe The Sperm steht auf dem Felde der Musik, der Politik, des Theaters, der Religion, sowie auf dem aller schönen Künste unübersehbar im Raum. Sperm ist ein Phänomen, das mit den Nachwehen eines Scheißintellektuellismus in die Welt gesetzt wurde. Hier ein paar Worte zum Scheißintellektuellismus: "Man könnte diesen auch als Radikalismus mit kurzgeschorenen Haaren oder als politisch korrekten Radikalismus bezeichnen. (...) Da kam dann die Gruftiband Sperm Ende der '60er daher. Ihnen ging es bei allem um Erfahrungen über den eigenen Körper. Für sie waren Schall, Licht und Berührung von großer Bedeutung. Bereits während ihren ersten Vorstellungen schickten sie eurer Verbissenheit und eurer faschistischen Plackerei eine bittere Pille der Botschaft entgegen, ihr hattet es aber selbst dann noch nicht begriffen, als es schon zu spät war." - Ein Zitat aus den Sperm-Veröffentlichungen.

Koponen sagt im Buch "Die erste Welle": "Ich hab' mich seinerzeit aus Lappeenranta davongemacht. Ich wurde während des Krieges geboren, -41, in einem Arbeiterhaus, in keiner politisch motivierten, aber in einer eindeutig sozialdemokratisch eingestellten Familie der Arbeiterklasse. In meiner Jugend kam es jedoch so, daß ich in Lappeenranta der Nationalen Jugend der Sammlungspartei [kokoomus] angehörte - hauptsächlich deshalb, da dort alle Kumpels waren. Dort konnte man Tischtennis spielen, mit den flotten Mädels herumschäkern, man durfte Spielfilme anschauen, wenn es auch sonst da nicht viel mehr zu sehen gab."

Mattijuhani Koponen darf widerspruchslos als der finnische König des Underground betrachtet werden. Wer wäre sonst schon in seinen radikalen Einfällen so weit gegangen wie Koponen. Bevor er im Hafen von Sperm anlegte, hatte Koponen den Kirchenchor, die Armee, das Gefängnis abgeklappert, hatte im Studententheater von Turku, von Helsinki und von Jyväskylä geschauspielert und hatte Erfahrung im Arbeitsleben gesammelt, indem er in Deutschland Zeitarbeit verrichtete und in Paris sich als "Aupair-Mädchen eines Schwulenpaares" verdingte.

Im Jahre 1968 veranstaltete das Kulturzentrum der Studentenschaft der Universität von Helsinki zu Ehren des Entstehungstages der Erklärung der Menschenrechte eine Festlichkeit. Mattijuhani Koponen war zu dem Fest geladen worden, um ein Gedicht vorzutragen. Das Gedicht krönte eine Striptease-Aufführung Koponens, was ihm natürlich weithin schwer übel genommen wurde.

Ein weitaus größerer Skandal kam auf, als Koponen am 2.12.1968 in einem "klassischen Konzert mit avantgardistischer Musik" auf dem Flügel des Alten Studentenhauses seine legendäre Köpulations-Performance-Nummer hinlegte. Sinn und Zweck der Aufführung war es, ein "Herbeimassieren des Friedens" und die Geburt eines neuen Zeitalters zu symbolisieren. Koponen hat steif und fest behauptet, daß ein wirklicher Akt sich niemals zugetragen hätte, da er fürchterlich angespannt, und es auf der Bühne viel zu kalt gewesen sei, um aus der Sache etwas richtiges werden zu lassen. Obendrein wäre seine Partnerin, deren Name Koponen bis auf den heutigen Tag nicht der Öffentlichkeit preisgegeben hat, wegen einer am gleichen Tag eingesetzt habenden starken Menstruation an strategischen Plätzen zugeklebt gewesen.

Ein Jahr später, am Jahrestag der Erklärung der Menschenrechte von 1969, wurde Koponen von Polizisten festgenommen, der daraufhin, nach einer Zwischenstation im Jugendgefängnis von Kerava, im Bezirksgefängnis zu Turku einsaß. Sein Urteil: Zwei Monate für den Gedichtsvortrag mit Striptease, fünf Monate für den Flügel-Akt minus einem Monat dafür, daß er Ersttäter war.

Finnlands Underground war aber sicher mehr als nur The Sperm und Mattijuhani Koponen. Die Underground-Zirkel von Helsinki brachten das radikale Blatt Ultra heraus, das dem System im ganzen eine Abfuhr erteilte, und das auch ins Augenmerk des Ministeriums fürs Rechtswesen geriet, als es die Jurisprudenz, den Präsidenten, die Polizei und im allgemeinen die Staatsgewalt herabsetzte. Eine beachtliche Underground-Band war auch das elektrische Quartett von M.A. Numminen (Sähkökvartetti), das eine aus Komponenten, die aus dem Alteisenhandel stammten, zusammengeschusterte Vorrichtung war, die mit vier Instrumenten verbunden wurde. Numminen, Markku Into, Jarkko Laine und Kollegen betrieben eine Zeitlang sogar auf Yle, Finnlands nationaler Radio- und Fernsehanstalt, ein Radioprogramm unter dem Namen Going Underground [Maanalaista menoa].

Der Underground von Helsinki und derjenige von Turku wichen in beträchtlichem Maße voneinander ab. Die Kapelle Finnlands Winterkrieg 1939-1940 bestand von ihrer Besetzung her hauptsächlich aus Leuten aus Turku, und machte Musik mit einer leicht unterschiedlichen Einstellung im Vergleich zu The Sperm. Finnlands Winterkrieg erging sich ebenso in multidimensionaler Aktionskunst, allerdings mit einer bodenständigeren und humorvolleren Annäherungsweise. Zu einer gewissen Galionsfigur für Finnlands Winterkrieg stieg der bereits verstorbene Rauli "Badding" Somerjoki aus Somero auf. Sperm ließen sich vom "System" am Arsch lecken, Finnlands Winterkrieg trat hingegen gerne auf Veranstaltungen politischer Organisationen, wie auch am Tag der Offenen Tür von Verlagshäusern auf. Neben Badding machten sich bei Finnlands Winterkrieg u.a. M.A. Numminen, Markku Into und Jarkko Laine einen Namen. Die Musik von Winterkrieg war von ihrem Stil her bluesrockinspiriert und traf sogar den Nerv der breiteren Massen des Volkes. Die Texte der Lieder waren leicht nachvollziehbar und dürfen als ein bemerkenswerter Wegbahner für das Entstehen der finnischen Rocklyrik angesehen werden.

Die Underground-Schule von Helsinki unterschied sich in ihrer Rauschmittelpolitik von jener aus Turku insofern, als in der Hauptstadt man sich bekiffte, in Turku hingegen man sich mit Alkohol zudröhnte. Die Kollegen aus Helsinki hielten die Gruftis aus Turku zwar für ordentliche Typen, wenn auch für weniger ernst zu nehmende Erbauer einer Untergrundkultur der leichteren Sorte.

"Ich habe in den Geschichten der Jungs aus Turku mehr ästhetische Spielerei als echten Underground gesehen, zu welchem es meines Erachtens immer gehört hat, daß man bereit ist, physisch sein Allerletztes herzugeben." - Mattijuhani Koponen im Buch "die erste Welle".

Mit dem Einzug der 1970er Jahre fing die Underground-Bewegung an, langsam sich zu verschleißen. Die Leute der Szene trieben auseinander, ein jeder ging seines eigenen Weges. Bei etlichen dürfte das auch der Tatsache verschuldet gewesen sein, daß man endlich erwachsen geworden war und die Schnauze voll hatte von dem ewigen Avantgarde-Herumgemache.

Im Jahre 1987 veranstaltete Mattijuhani Koponen im Alten Studentenhaus ein offizielles Begängnis des finnischen Underground. Auf der Einladung war zu lesen: "Das Hinscheiden des Königs des Underground? Ein Künstlerfest von Mattijuhani Koponen. Das Festtagszeugs beehren bekannterweise durch ihre Gegenwart ein Kriminal- und verstorbener Fürsorgepolizist sowie ein Gefängnisleiter nebst vielen Künstlerbekanntschaften von Koponen". Koponen selbst lag in einem Sarg, bis er von da herausstieg, und damit begann, finnisches Ringbrot [ein rundes Brot mit einem Loch in der Mitte] seinem Publikum zuzuwerfen. Es waren ungefähr gleich wenig Leute zur Stelle, den Underground zu Grabe zu tragen, als mit dabei waren, ihn aus der Taufe zu heben.

Einige Altmeister des Underground sind weiterhin im Zeichen der Kunst aktiv, wenn auch nicht mehr so richtig in den Untergrund abgetaucht. Von Mattijuhani Koponen ist eine Gedichtesammlung erschienen und Jarkko Laine hat sich seither als Redakteur des Künstlermagazins Parnasso und auch als ein Landtagskandidat hervorgetan. M.A. Numminen sang im Alten Studentenhaus auf der Jahresfeier der Soziologiestudenten des Jahres 1999 den Leitfaden zu sexuellem Verhalten noch einmal vor, und es war weit und breit von keiner staatlichen Autorität weder etwas zu sehen, noch zu hören gewesen.

°Das
Jumalan teatteri hatte in einem Anschlag auf das etablierte Theaterwesen am Tag des Theaters am 17. Januar 1987 in Oulu das Festpublikum mit Kot und Urin und mit faulen Hühnereiern und Judenfürzen beworfen, um die angerichtete, so drastisch verschärft überzogene "Theaterscheiße" hernach mit Feuerlöscherschaum abzulöschen, wurde dafür aber gerichtlich belangt und zu Freiheitsstrafen auf Bewährung sowie zu saftigen Geldstrafen verurteilt und befristet von ihrer jeweiligen Uni-Fakultät suspendiert. Zwei der Teilnehmer sind heute bekannte Schauspieler, die anderen weiterhin Künstler.
Hier sind einige Bilder dazu zu sehen »

10
Okt
2009

Aleksis Kivi wurde heute vor 175 Jahren geboren - das Bild des finnischen Nationalschriftstellers wird immer wieder noch präziser

Über den Nationalschriftsteller der Finnen, Aleksis Kivi (1834 - 1872) sind Hunderte von Studien geschrieben worden, in denen dessen Werk und die Resonanz von dessen Büchern, sowie dessen Lebensphasen abhehandelt worden sind. Desungeachtet findet sich gerade im Jubeljahr immer noch neu geschöpfter Stoff bezüglich dieses Bahnbrechers der finnischen Literatur. Seit der Geburt von Kivi werden mit dem heutigen Tag nämlich 175 Jahre vergangen sein.

Die von der Finnischen Gesellschaft für Literatur (Suomalaisen Kirjallisuuden Seura - SKS) veröffentlichte und von Esko Rahikainen verfertigte Studie Schwendland vom Jungfernhügel [Impivaaran kaski - in Impivaara werden traditionell Pferde gezüchtet] ist in der Hauptsache darauf ausgerichtet, das Bild von Aleksis Kivis Werk und von dessen Stellung innerhalb der finnischen Kultur in den Jahren von 1860 - 1910 genauer auszuloten.

Im Licht der früheren Studien ist Kivi denn vor allem als Dramaturg bekannt geworden. Wesentlich undeutlicher ist das Bild von der Entgegennahme im Volk von dessen Hauptwerk Die Sieben Brüder geblieben, das längst auch in Deutschland in deutscher Übersetzung gelesen wird, aber auch das von den Gedichten, ebenso wie der Begriff von Kivi als einer politischen Spielerfigur. In der Studie von Rahikainen ist nun neues Quellenmaterial mit ausgewertet worden.

Kivi rückte ins Nationalbewußtsein der Finnen insbesondere dank der Theaterstücke Kullervo und Die Heideschuster. Als er im Jahre 1864 den staatlichen Belletristikpreis gewann, löste dies in den seinerzeit an und für sich engstirnigen Kulturkreisen einen beträchtlichen Aufruhr aus. Kivi hatte auf alle Fälle damit bewiesen, daß er an der Spitze der Wildnisroder der finnischen Literatur stand. Es war ein Stern am Firmanent aufgegangen, der seine Fürsprecher, aber auch einflußreiche Gegner hatte.

Aleksis Kivi war, als man auf die 1870er Jahre zuging, bereits der führende finnischsprachige Schriftsteller der Theaterspiele des Landes. Obschon aber seine Stücke beliebt waren, sorgten sie für keinen üppigen Lebensunterhalt. Die Auflagen der Veröffentlichungen fielen recht klein aus und für den Preis seiner Ausgewählten Werke erhielt man zu jener Zeit, um ein Beispiel zu nennen, 40 Kilo Roggenmehl.

Eigenartig steinig war das zu rodende Neuland (kivi bedeutet auf Finnisch Stein) jedoch in der Ebnung des Weges für seinen berühmten Roman Die Sieben Brüder, um die Hürden einer Publikation zu passieren. Kivi begann mit der Skizzierung seines Romans bereits im Jahre 1859, als eigenständiges Werk erblickte der Roman das Tageslicht erst im Dezember 1873. Davor waren die Sieben Brüder allerdings in vier Teilen als Hefte in der Novellen-Bibliothek der Finnischen Gesellschaft für Literatur herausgebracht worden. Das gesonderte, selbständige Werk Die Sieben Brüder wurde also erst einige Monate nach dem Tod des Schriftstellers veröffentlicht!

Als eifrigster Gegner des Romans von Kivi gilt der in die Geschichte eingegangene Professor der finnischen Sprache und Literatur August Ahlqvist, manche sind aber sogar der Ansicht, daß auch J.W. Snellmann sich "enttäuscht" gezeigt hätte über die Stille Kivis während der dreijährigen Quarantäne, die über die Sieben Brüder verhängt war.

Viele Vertreter der gebildeten Stände hatten den Roman von Kivi für unschicklich gehalten, ja für geradezu zuchtlos und unflätig. Man durfte das Buch nicht in die Hände von Kindern und Jugendlichen kommen lassen. Ein dem Vorwort des Romans beigefügter, von der SKS seinerzeit eingeforderter Zusatz war von Snellmann verfaßt, und auch jener brachte eine angeblich im Roman angetroffene Sittenlosigkeit zur Sprache. Späterhin wurde von dem Buch eine in gewissem Umfang zensierte, auf Jugendliche zugeschnittene Version vorgelegt. Die Höhe der 1891 publizierten jugendtauglichen Auflage lag bei 2'500 Stück.

Obwohl die Kritik an Kivi nach dessen Tode und speziell, als man auf die 1900er Jahr hinzuschritt, in der Regel einer Bewunderung gegenüber dessen sprachlich reichhaltigem Schaffen wich, kam noch 1951 ein Lehrer aus Turku, Paavo E.S. Elo, mit einer Dissertationsschrift daher, in welcher der sich dazu hinreißen ließ, anzumerken, daß "dieser eigentlich doch ein unbedeutender Mensch ist, eine Zwergengestalt, der nicht mal schafft, was ganz normale Menschen fertigbringen, sich selbst am Leben zu erhalten und für sein Leben eine gesicherte wirtschaftliche Grundlage auf die Beine zu stellen." Elo zufolge würden die Sieben Brüder, insgesamt betrachtet, ersichtlich machen, daß Aleksis Kivi in Infantilität befangen war.


Die Sieben Brüder erwiesen sich jedoch trotz aller Kritik als ein großer Erfolg, wenn sich auch die Auflagenzahlen mit neuzeitlichen Ausmaßen verglichen sehr bescheiden ausnahmen. Die Auflagenhöhe der Sieben Brüder erreichte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts 7'000 Stück. Man muß sich dabei aber vor Augen halten, daß Finnland es bis zum Ende des Jahrhunderts gerade mal auf 56 Buchläden brachte, und daß die um ihr Grundauskommen kämpfende Bevölkerung nicht in erster Linie Bücher im Kopf hatte. Glücklicherweise stellte das Bibliothekenwesen in gewisser Weise für die Bildung einen Retter in der Not dar. Auch durch die Zeitungen bekam man einigermaßen Kontakt zur schöngeistigen Literatur.

Die Länge des Arbeitstages wurde damals noch nicht limitiert, sodaß ein 12-16-stündiger Arbeitstag in vielen Berufen sehr weitverbreitet war. Auch an Samstagen wurde allgemein acht Stunden durchgearbeitet. Fürs Lesen blieb deshalb außer an Sonntagen nicht viel Zeit.

Aleksis war auch ein Dichter, wenngleich ihm als Dichter keine besondere Stellung zugekommen war und die Dichtkunst vielleicht auch nicht sein eigentliches Betätigungsfeld war. Viele hatten seine Gedichte-Anthologie Kanervala [Heidegehöft] sogar als ungenügend eingeschätzt. Kivi wurde vornehmlich deswegen kritisiert, da er auf den Stabreim verzichtete und mitten in Wörtern abbrach.

Von den von Kivi geschriebenen Gedichten sind jedoch, abgesehen von den neuaufgelegten und den schwedischsprachigen, um die fünfzig herum bekannt geworden, von welchen 29 noch zu Lebzeiten des Schriftstellers und 39 bis Ende 1910 publiziert waren. So erfreuen sich denn viele auch der Gedichte von Kivi, wie zum Beispiel Die Beglückten, Ein Sonntag, Gesang meines Herzens und Dein Eichhörnchen, das kleine Schleckermaul bis auf den heutigen Tag großer Beliebtheit.

Alles in allem betrachtet, hatte spätestens in den 1890er Jahren die Bedeutung und Beliebtheit von Kivi im Volke Fuß gefaßt, und er wurde in weiten Kulturkreisen erkennbar wahrgenommen. Kivi fand auch, als es auf die 1900er Jahre zuging, in die Schulbücher Einzug. Die ehrenwerte Stellung eines nationalen Schriftstellers erkannte Kivi offensichtlich als erster Eino Leino zu, der bereits im Mai 1899 im Tagesblatt, dem Vorläufer der Helsingin Sanomat, Kivi als "national", als "großartig", als "unseren Meister" und als "unseren eigenen Shakespeare" charakterisierte.

Das von der SKS herausgegebene Werk von Esko Rahikainen bietet auf gelungene Weise Ergänzungen zu einem fundierten Wissen über Aleksis Kivi, zu dessen Werk und dessen Entgegennahme im Volk in den Jahren zwischen 1860 - 1910. Wenn auch ein Studienwerk niemals genauso packend und lebhaft geschrieben ist, wie dies zum Beispiel bestens in der bunten Sprache von Kivi der Fall ist, so stellt die Historie Schwendland vom Jungfernhügel ein dem Gedenkjahr würdiges Werk vor, in einer Zeit, da der Person und den Werken des nationalen Schriftstellers Finnlands ein anhaltend wachsendes Interesse entgegenbrandet.

Des 175. Jahrestages der Geburt von Aleksis Kivi wird am heutigen Samstag um 18 Uhr durch einen Ehrengang am
Denkmal von Aleksis Kivi, auf dem Aleksis-Kivi-Platz, auf dem Platz vor dem Stadttheater von Turku feierlich gedacht werden. Reino Kotaviita wird eine Rede halten und eine Festtagsfanfare auf der Trompete spielen. Der Aleksis-Kivi-Klub von Turku wird einen Lorbeerenkranz niederlegen. Die Ehrenwache der Kommilitonenschaft der Universität von Turku und die Fackelträger mit ihren Teertöpfen werden das Ereignis mit einer Festlichkeit zu einem feierlichen Abschluß bringen.

9
Okt
2009

Ein Gedicht, das der vorausblickenden Schöpfung das Wort spricht — und zugleich sublim alle Darwinisten der Welt aussticht

In Creation Visions Always Come First

In creation visions always come first·

First you picture a thing,
Scheme it out in your mind,
Fancy a novelty that could be fun and feasible,

Then only, after the envisioning is done,
The world one day might get the chance
To marvel and enjoy
A new Variegation that will have made a difference
And mattered in creativity's due time, for

In creation visions always come first·

Except for that Primal one, as modern science contends,
If those dwarf nest thinkers had been right with
That theory of blind chance evolutions of theirs —
But, of course, they are not!, since

In creation visions ALWAYS come first·

This has been witnessed throughout all spheres eversince
And it shall always be the same:

Mind is the gatherer of the stack.

No gorgeous fruit and rich harvests in the fields
Without virile people to tend to.

No grandeur and splendid castles in the countryside
Without royal clans in the country.

No majestic sports arenas
Without heroic competitors to stride in, for after all

In creation visions always come first·

Every single thought I bear in mind
And all that I do —
A continuation of the inexhaustible,
Stuttered grand Boom of Primal Creation -

Likewise so with all other tings in the world,
Be they the crudest matters on Earth,
Or the most heavenly under the sun.

All are born in and out of mind.
Therefore it is our privilege to
Conquer and enhance this world through mind, as

In creation visions always come first·


Die-Entspringung-der-Arten-aus-Erdmutter-Gebarmuttern

© Erhard Hans Josef Lang

8
Okt
2009

Allererste Meldung davon, daß den Tischcomputern von heute im kommenden Jahrzehnt auf den Leib gerückt werden dürfte

Den Medien des innovativen europäischen Vorreiterlands der Telekommunikationstechnologie, Finnlands, ist eine Meldung vom 6.10.2009 einschneidenden Inhalts zu entnehmen, mit einer markigen Schlagzeile: "Finnet beabsichtigt, in Finnland die Tischcomputer aus dem Verkehr zu ziehen".

Aus dem sehr knapp gehaltenen Bericht geht hervor, daß die Telefongesellschaften der Landkreisbezirke Finnlands sich mit der Absicht tragen, die Tischcomputer der Finnen im nächsten Jahrzehnt auf ein Netzwerk zu übertragen.

Es sei den der Gruppe Finnet angehörenden 27 Telefongesellschaften ein Anliegen, etliche mit einem Supercomputer ausgestattete Server-Zentralen einzurichten. Die Programme und das eigentliche Computerlaufwerk würden hernach in der Server-Zentrale sein.

Aus dem Server werde sodann per Lichtkabel eine Verbindung zum Heim des Benutzers hergestellt, wo es nur einen Adapter, ein als Monitor dienendes Fernsehgerät und eine Tastatur haben werde.

Nach Einschätzung von Finnet dürften die ersten Benutzer des neuen Systems bereits in drei Jahren in dieses sogenannte Supermatrix-Netz gelangen.

Supermatrix

* * * * * * *


IN CREATION VISIONS ALWAYS COME FIRST

(except for the primal one, if Darwin were right with his theory of chance evolutions — but, of course, he's not!)

7
Okt
2009

Auf sicherem Fuße Welten Anderer durchstreifend

Rollenspiele erfreuen sich seit dem Knick zwischen den 1970er und 1980er Jahren zusehends größerer Beliebtheit im Volke, trotzdem hat sich der Zeitvertreib als solcher noch nicht überall herumgesprochen. Ein nun auf Finnisch vorliegendes, die Grundlagen des Rollenspiels erhellendes Buch "Rollenspiele. Das Sich-in-Rollen-Hineinversetzen und die Phantasy-Zeitvertreib-Netzwerke", das allerdings der Übersetzung ins Deutsche noch harrt, wird diesem Aufklärungsnotstand nun gerecht.

- Unterhalte ich mich mit Leuten darüber, merke ich immer wieder, daß zu dem Thema nichts gewußt wird, läßt die Verfasserin des Werks Merja Leppälahti wissen.

Was also ist ein Rollenspiel? In der Einleitung zu ihrem Buch faßt es Leppälahti wie folgt zusammen: "In einem Rollenspiel nehmen dessen Partizipanten auf sich selbst angepaßte Rollen einer Spielfigur für sich an und portraitieren oder tragen in ihrer Rollenfigur vor, was die Figur alles so macht, spricht und denkt."

- Ich habe das Thema richtig mehrdimensional studiert. Ich habe Mitspieler interviewt, sie darum gebeten, über ihr Hobby zu schreiben, und zu einem gewissen Grad selbst sowohl in Spielsituationen als auch bei Spiel-Events mitgemacht. Außerdem verfolge ich die Forschungsarbeiten anderer hierzu.

- Recht häufig werde ich gefragt, ob die Teilnahme an einem Rollenspiel gefährlich sein könne, zumal ein Sohn des Vetters des Verwandten eines Bekannten auch einmal dabei mitspielte und dann daraufhin durchgedreht sei. Es kommt aber sicher äußerst selten vor, daß eine Rolle sich nicht mehr abstellen ließe. Eine gute Rolle kann allerdings noch lange nachwirken, eben auf die gleiche Weise wie auch ein Spielfilm, der einem sehr naheging, noch lange nachwirken kann. Ich habe indes Schwierigkeiten damit, mir vorzustellen, ein gesunder Mensch würde nicht auseinanderhalten können, was Wirklichkeit und was Fantasie ist, sagt Leppälahti.

Oft würde sie auch daraufhin angesprochen, ob Rollenspiele in sich einen Nutzen hätten.

- Im allgemeinen antworte ich darauf, daß Rollenspiele gespielt werden, da man sich dabei amüsieren will, manchmal kann aus ihnen aber auch ein Nutzen gezogen werden. Insbesondere bei den zuerst aufgekommenen Tisch-Spielen, bei denen man sich am Tisch gegenübersitzt, sind die Bücher zum Spiel auf Englisch geschrieben und die Mitspieler deshalb angehalten, sich des Englischen zu befleißigen. Es haben mir einige erzählt, daß bei ihnen zugleich dann die Begeisterung dafür erwacht war, auch englischsprachige Taschenbücher zu lesen.

Auch die Tatsache, daß man sich in geistige Landschaften anderer Menschen hineinversetzt, kann jemandem nützlich werden.

- Das Spielen angenommener Rollen kann das Weltbild erweitern und das Selbstwertgefühl steigern.

Merja Leppälahti spricht im Zusammenhang des Rollenspiels von Neo-Sippschaften ["Uusheimot" auf Finnisch].

- In der guten alten Zeit machte der Familienstamm, in den man zufällig hineingeboren wird, die Stammeszugehörigkeit eines Menschen aus. In der heutigen Zeit definiert sich eine Neo-Sippschaft eines Menschen darüber, was für Interessen er oder sie mit anderen teilt.

- Meiner Meinung nach prägt den Zeitvertreib mit den Fantasiewelten die Gemeinschaftlichkeit einer Spielergruppe. Neben den fantasiebeflügelten Erlebnissen locken Rollenspiele dank des dadurch erworbenen Freundeskreises. Es ist einfach eine prima Sache, zusammen mit anderen, die in gleiche Dinge eingeweiht sind, selbstausgedachte Action vom Stapel zu lassen.

In letzten Jahren haben das Rollenspiel immer mehr Menschen als eine Form des Zeitvertreibs akzeptiert.

- In einer meiner frühesten Umfragen erzählte ein junger Mann, daß das Rollenspiel, als er damit anfing, ein Hobby war, wegen dessen man sich tatsächlich noch zu genieren hatte. Er hätte früher einem Unbekannten gegenüber viel lieber eingestehen wollen, daß er Ballett tanze, als daß er an einem Rollenspiel partizipiere.

Heutzutage sind Rollenspiele geradezu eine Modeerscheinung auf dem Hobbysektor.

- Innerhalb des Hobbyspielens hat sich eine eindeutige Veränderung vollzogen, und zwar dergestalt, daß das "Herumlarpsen" im Gelände [von LARPS - LiveActionRolePlaying Spiel] mehr die Mädchen interessiert, während die Rollenspiele zu Tisch wiederum eher Spiele von Jungens sind.

Merja Leppälahti hebt darauf ab, daß das Rollenspiel viel, viel mehr sein kann als nur das Eindringen in die Welten von Gnomen, Naturgeistern und knauzigen Orks.

- Es kann sich dabei um jeden nur erdenklichen Weltenkreis handeln, solange man diesen nur ausreichend fantasievoll sich ausgedacht hat. Ein Rollenspiel läßt sich zum Beispiel im Setting einer ganz gewöhnlichen Gegenwartsrealität aufziehen. Es geht um mit Vorstellungskraft vorausgeschaute Szenarios aus der Erlebniswelt anderer Menschen, die nicht unbedingt von irgendwelchen Elfen, Naturgeistern und Orks bevölkert sein müssen, ein Rollenspiel kann man ebensogut im Rahmen eines normalen Neuzeit-Szenarios durchspielen.

6
Okt
2009

Klagelied der offenen Grenzen: "Ab ins viel bessergestellte Nachbarland, und an dieser 'ungerechten' Güterverteilung sich gütlich getan!"

In Estland, das in wirtschaftlichen Engpässen auf Sparflamme vor sich hin köchelt, werben kriminelle Gruppen Jugendliche für Finnland an, um dort auf Diebesfeldzug zu gehen. Die jungen Männer würden durch den Anreiz einer Prämie von Hunderten von Euro dazu verleitet, sich an den Raubzügen zu beteiligen, berichtet die Helsingin Sanomat. Der Polizei von Helsinki wäre aufgefallen, daß die Anzahl der von Esten ausgeübten Eigentumsdelikte seit letzter Zeit im Anwachsen begriffen ist.

Laut Polizei sei die geschwächte wirtschaftliche Lage Estlands dafür verantwortlich zu machen, daß Diebstähle zunehmen. Es sei zu befürchten, daß während des Herbstes und des Winters die Situation noch schlimmer werde, denn viele derer, die als Arbeitslose enden, würden, anstatt eine an den Verdienst angebundene Entschädigung zu erhalten, auf eine kleine Arbeitslosenunterstützung angewiesen sein.

Estnische Jugendliche lassen wissen, daß für die Diebes- und Einbruchsbeutezüge per mobilem Funk und übers Internet Reklame gemacht werde. Vielfach würde eine Arbeit auf dem Bau angepriesen, was in Finnland dann sich zum Beispiel als eine Verdingung als Chauffeur für eine Einbruchsbande entpuppte. Für die Beutezüge würden solche Jugendliche ausgesucht, die von ihrem Strafregister her noch eine reine Weste haben, ist weiter in der Helsingin Sanomat zu lesen.


Ab-ins-viel-bessergestellte-Nachbarland-und-an-dieser-ungerechten-Gueterverteilung-sich-guetlich-getan

4
Okt
2009

Nach längerer Odyssee im rauhen Abendland geht's für eine Gruppe geprellter Thailänder heute wieder gen Heimat

Thailänder, die in Finnland in den Wäldern der umliegenden Gemeinden von Turku gut einen Monat lang Beeren gepflückt haben, machen sich am heutigen Sonntag auf die Rückreise in ihr Heimatland. Die Gruppe, die ursprünglich in Sodankylä im Hohen Norden eingetroffen war, mußte die Erfahrung machen, daß sie in Finnland schwer hereingelegt und ausgenutzt worden ist. In Thailand war den Leuten versprochen worden, daß sie für Beerenpflücken einen Tageslohn von bis zu 100 Euro einstreichen würden. Es war jedoch alles etwas anders gekommen.

- Als wir in Lappland eintrudelten, stellte es sich heraus, daß ein jeder von uns für Verpflegung, Übernachtung und den Gebrauch eines [für uns zur Verfügung stehenden] Autos pro Tag 15 Euro zu zahlen hätte. Welch eine Überraschung! Hatten wir doch in Thailand dem Vermittler bereits mehr als 1'700 Euro für Flugticket, Visum und alle anderen Auslagen blechen müssen. Da wir nun selber auch noch für Benzin aufkommen mußten, hatten wir gleich an jeweils mehreren Tagen überhaupt kein Einkommen, sondern lediglich ein Minus fürs Kontobuch unseres thailandischen Vormanns zu verzeichnen, erzählt die im südlichen Rusko angetroffene sechsköpfige Gruppe.

Für Heidelbeeren wurde den Thailändern in Lappland pro Kilo 1 - 1,40 Euro gezahlt. Im Südwesten des Landes bekamen sie dafür im günstigsten Fall gar vier Euro.

Die Zustände in Sodankylä waren nach Ansicht der Gruppe auch ansonsten miserabel gewesen.

Sie mußten bereits um 3 Uhr morgens hinaus in den Wald, und in ihre Unterkunft, das Schulgebäude im Dorf Riippi, durften sie erst nach 8 Uhr abends zurückkehren. Als ihren Tagesproviant wurde ihnen Reis mit Hühnerfleisch zubereitet, was ihnen als Morgenmahl, Mittagessen und Abendbrot zugleich zu dienen hatte.

In den Wäldern gab es dann eigentlich gar nicht so viele Heidelbeeren, Schnaken und Bremsen dafür aber umso mehr. An manchen Tagen mußten sie eine Fahrtstrecke von insgesamt bis zu 400 Kilometern zurücklegen.

Die Gruppe war am 26. Juli über Istanbul nach Finnland geflogen. Das Rückflugticket war für den 4. Oktober gebucht.

- Wir fragten an, ob wir bereits eher heimreisen dürften. Es hätte geklappt, wenn wir nochmals 120 Euro für die Zugkarte und für die Änderung des Reisetages berappt hätten. Wir hatten das nötige Geld jedoch nicht, erzählen sie.


Der Helfer in der Not fand sich in Rusko

Die einer sprachlichen Verständigung unfähigen Leute, darunter Kittisak Som-on, 43, Sakon Tichairum, 26, Surat Yodhan. 28, Thanyawat Kamtan, 34, Anong Buratsakan, 25, sowie Weerachai Laemkaw, 30, wußten nicht mehr, was sie tun sollten. Überraschend lernten sie Frau Supaporn Andersson kennen, die sich zusammen mit ihrer Familie in Lappland auf einer Urlaubsreise befand , der sie von ihren Nöten erzählten.

- Mir fiel auf, daß an einer Tankstelle Asiaten waren, so daß ich auf diese zuging und sie begrüßte, und sie erwiderten meinen Gruß in meiner eigenen Sprache, berichtet Familienmutter Andersson, die seit neun Jahren in Rusko zuhause ist.

Frau Andersson erstattete ihrem Mann Tapio Andersson Bericht über das Schicksal der Beerenbrocker, der sich darüber so entsetzte, daß ihn die Angelegenheit nicht mehr in Ruhe ließ. Zuhause in Rusko nahm das Ehepaar Kontakt auf mit einer bekannten, im Städtchen Nousiainen lebenden thailändisch-finnischen Familie, und die Ehepaare beschlossen, gemeinsam den in Bedrängnis Geratenen aus der Patsche zu helfen.

- Meine Bekannte rief unter anderem in der Ausländerbehörde an, und machte sich auf den Weg nach Sodankylä, um die Thailänder hierher zu schaffen. Sie beherbergte in ihrem Haus 16 Leute, von denen zwei das Land bereits verlassen haben, und ich brachte diese sechs hier unter, erzählt Andersson.

Ganz so einfach war den Thailändern die Abreise aus Sodankylä nicht von der Hand gegangen.

- Die thailändische Verbindungsperson wollte zunächst nicht mit den Pässen herausrücken und machte sich samt denen und dem Kontobuch aus dem Staub. Die Pässe sind allerdings übergeben worden, da meine Freundin die Polizei auf den Plan rief, wie Andersson weiter berichtet.


"Irgendeiner, der dazwischensteht, hat da abgesahnt, und zwar tüchtig"

Im Hause der Anderssons in Rusko hat die Gruppe seit dem 13. August mitgewohnt. Den Leuten ist mit Hilfe der Landsleute und der Küche des Badehauses der Stadt Naantali beim Essen über die Runden geholfen worden.

- Bei uns ist in einer Woche, allein an Reis, ein 20-Kilo-Sack draufgegangen, lacht Andersson auf.

Supaporn Andersson treibt das Schicksal der Beerenbrocker zur Weißglut. Viele von denen waren mittels geborgtem Geld von zuhause aufgebrochen, wofür sie sogar zehn Prozent Zinsen zu zahlen haben.

- Es schaut danach aus, daß ein Thailänder hier Thailänder verkauft hat. Irgendeiner, der dazwischensteht, hat da abgesahnt, und zwar tüchtig.

Ein Rundreiseflugticket von Bangkok nach Helsinki bekommt man für 800 Euro.

- Den Beerenpflückern wurde der zweifache Preis dafür abgenommen, und sie sind noch nicht einmal direkt hierher geflogen, sondern mit einem Billigflug über die Türkei.

Die Arbeit hatte ein thailändisches Arbeitsvermittlungsinstitut im Angebot. Andersson hegt den Verdacht, daß für Finnland speziell solche Hilfsarbeiter angeworben werden, die am allerwenigsten Sprachenkenntnisse haben.

- Die können kein Englisch, so daß sie keine Möglichkeit hatten, aus eigenen Stücken heraus um Hilfe zu suchen.

3
Okt
2009

Ein Land plant, die Scheiße, die es produziert, sich nützlicher zu machen

Finnland droht, in den nächsten Jahren in der eigenen Kacke zu ersaufen. Die Finnen produzieren jährlich eine Million Kubikmeter - also einhunderttausend Lastwagenladungen voll - an in Kläranlagen behandeltem Abwasserschlick aus den Versorgungsgemeinden. Nach gegenwärtigem Stand der Dinge wird ungefähr 96 Prozent dieser nährstoffreichen und reichlich organisches Element beinhaltenden Masse verwendet, in verschiedenster Form aufbereitet, so zum Beispiel als ein Bestandteil des Gartenhumus für den Anbau von Grünflächen.

- Die größten Anwendungszielobjekte sind im Zuge der im Jahr 1997 straffer gewordenen Müllplatz-Verordnung die Landschaftspflegearbeiten an den geschlossenen Schuttplätzen gewesen, erklärt der leitende Sachverständige fürs Abfallwesen Risto Saarinen aus der Zentralstelle Finnlands für die Umwelt.

Das Abdecken der jetzt aus dem Gebrauch genommenen Müllplätze geht jedoch seinem Ende entgegen. Wenn die Müllplätze den Schlick nicht mehr im gleichen Maße wie bisher aufschlucken, wird man in den kommenden Jahren gehalten sein, dafür neue Nutzungsweisen zu finden.


Gefährlichkeit aufgrund von Schwermetallen nicht mehr gegeben

Von der Schlickmasse wird deshalb mehr denn je für andere Objekte zur Verfügung stehen. Die potentiellen Anwendungsbereiche werden zum großen Teil die gleichen sein wie auch heute schon: die Ränder der Autostraßen, die Wegböschungen und die Parks. Die ganze Million Kubikmeter dürfte für jene allein allerdings nicht aufgehen.

- Eine Methode besonderer Art, wie man die Nährstoffe recyclen könnte, wäre die landwirtschaftliche Nutzung. Aus dem Klärschlamm angefertigte Produkte würden einem vom landwirtschaftlichen Anbau ausgelaugten Feld auch Kohle zuführen, was man bei Kunstdünger nicht hat, führt Saarinen aus.

- Ebenso wären die sich überlagernden Auswirkungen beachtlich. Je gelockerter die Erde ist, desto besser bindet sie Nährstoffe ein und verhindert deren Abfluß. Für den Schutz des Schärenmeers zum Beispiel wäre das Einbringen des Schlicks von wahrem Nutzen.

Die Landwirtschaft verbraucht von dem jährlich anfallenden Klärschlamm der Versorgungsgemeinden nur drei Prozent. Das Ironische daran ist, sollte auch die gesamte jährlich aufkommende Million an Schlammwasserkubikmetern auf die Felder gebracht werden, daß dieses lediglich einige wenige Prozent des jährlichen Düngerbedarfs der Landwirtschaft deckte.

Die Bauern scheuen nicht umsonst vor dem Einsatz des Schlicks zurück, denn in früheren Zeiten war jener stark schwermetallhaltig.

- Während der letzten Jahre ist die Abwasseraufbereitung gewaltig weiterentwickelt worden, und auch die Gefahr durch Schwermetalle ist nicht mehr gegeben, klärt Saarinen auf.

Die Schwermetallhaltigkeit hat in den Schlammassen unter anderem deshalb beträchtlich abgenommen, da das in Zahnfüllungen verwendete Amalgam und die für die Entwicklung von Fotografien gebrauchten Flüssigkeiten nicht mehr ins Abwasser gelangen.

- Das vor ein paar Jahren neu aufgelegte Düngemittelgesetz stellte strengere Anforderungen an den in Grund und Boden einzubringenden Klärschlamm und dessen Überwachung ist im Zuge davon zufriedenstellend geworden.

Saarinen sagt, daß die Schlammassen derart überwältigend werden, daß es höchste Zeit wäre, sich zu einem Konsens bezüglich deren Nutzungszielobjekten durchzuringen.


Die Frage des guten Geschmacks bestimmt über die Nutzung

Der Zentralverband der Forst- und Landwirtschaftlichen Produzenten Finnlands MTK [Maa- ja metsätaloustuottajain Keskusliitto] hat über Jahre hinweg die Nutzung auf den Feldern der aus dem Klärschlamm der Versorgungsgemeinden angefertigten Düngemittel wegen Problemen mit deren Qualität abgelehnt. Nachdem seit einigen Jahren die Preise für Kunstdünger in astronomischen Zahlen sich bewegen, hat das MTK sich bereiterklärt, in der Sache einzulenken.

- Im Lichte der Forschungsergebnisse widersetzen wir uns nicht mehr einer Nutzung des Schlicks. Der offizielle Standpunkt des MTK steht jedoch weiterhin zur Debatte und es dürfte gegen Ende des Jahres zu einem Einvernehmen kommen, kommentiert die Umweltbeauftragte des MTK Johanna Ikävalko.

Sämtliche Kreise scheinen einhellig der Meinung zu sein, daß es vernünftig wäre, die Nährstoffe einem Kreislauf zuzuführen. Auf der zuständigen Kontrollbehörde, Evira genannt, die die Qualität der aus Klärschlamm gewonnenen Düngeerzeugnisse überprüft, wird angemerkt, daß über die Verwirklichung der Praxis auch noch die Frage des guten Geschmacks bestimme.

- Die damit verbundenen Risiken hätten wir gut im Griff, betont der leitende Kontrolleur bei Evira, Olli Venelampi.

- Das Problem mit dem Image, das in der Natur der Sache liegt, ist nach wie vor das größte dabei. Ich bin mir nicht sicher, ob wir bereit sein sollten, dieses Risiko auf uns zu nehmen, daß die Verbraucher keine in menschlichen Exkrementen herangezüchteten Lebensmittel kaufen würden, gesteht Johanna Ikävalko aus dem MTK ein.
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